Berlin : Die Paradiesvögel der Dynastie

Eine Berliner Comiczeichnerin würdigt anlässlich der Jüdischen Kulturtage „die anderen Mendelssohns“

Lars von Törne

Die Außenseiter und Paradiesvögel der bürgerlichen Gesellschaft sind es, die Elke Steiner faszinieren. Brüche in den Biografien anderer Leute inspirieren die Berliner Zeichnerin. Da kam ihr die Anregung aus der Jüdischen Volkshochschule und von den Jüdischen Kulturtagen gerade recht, sich in Comic-Form einiger „schwarzer Schafe“ der Mendelssohnschen Familie anzunehmen. Das Ergebnis ist die soeben erschienene Bildgeschichte „Die anderen Mendelssohns“, die die Zeichnerin heute Abend mit einer kleinen Ausstellung im Rahmen der Jüdischen Kulturtage präsentiert.

Das Buch erzählt in mit fließendem Strich getuschten Bildern die faszinierenden Lebensgeschichten von Arnold Mendelssohn und Dorothea Schlegel, geb. Mendelssohn. Beide entstammen der großbürgerlichen Bankiers-, Künstler- und Gelehrten-Familie, die dieses Jahr im Mittelpunkt der Jüdischen Kulturtage steht. Ihre Geschichte setzt jedoch einen bewussten Kontrapunkt zu jener offiziellen Familiengeschichte, die sich um Protagonisten wie Moses Mendelssohn oder Felix Mendelssohn Bartholdy rankt.

Die Idee zu dem Comic stammt von Thomas Lackmann, Tagesspiegel-Kulturredakteur und konzeptioneller Berater der Kulturtage. Elke Steiner hatte vor drei Jahren bereits mit ihrem Comic über die Geschichte der jüdischen Gemeinde Rendsburgs Aufsehen erregt, im Deutschen Ärzteblatt erscheinen derzeit die letzten Teile von Steiners gezeichneter Biografie der vor den Nazis geflüchteten Ärztin Käte Frankenthal , außerdem veröffentlicht sie regelmäßig in der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung.

Die beiden Mendelssohns, die Elke Steiner würdigt, sind die Paradiesvögel der Dynastie. Dorothea Schlegel beschreibt die 33-jährige Zeichnerin als eigensinnige Frau, die im späten 18. Jahrhundert aus den Konventionen der preußischen Gesellschaft ausbricht und für ihre Ideale kämpft. Ihr Neffe Arnold Mendelssohn kämpfte im 19. Jahrhundert für die Arbeiterklasse und wurde wegen seines Verhaltens zum Geächteten.

Neben den Porträts der beiden Hauptfiguren entwirft Elke Steiner ein faszinierendes Bild des preußischen Berlin. Mit Hilfe eines Kunsthistorikers sorgfältig recherchierte Szenen in Künstler- und Intellektuellen-Salons rund um den Gendarmenmarkt stehen neben erschreckenden Szenen aus einer Armensiedlung am Rosenthaler Tor, die an Slums erinnert.

„Die anderen Mendelssohns“ soll bald fortgesetzt werden. Elke Steiner bereitet einen weiteren Band über Familienmitglieder vor, die von der Nachwelt nicht gewürdigt wurden.

„Die anderen Mendelssohns“, 60 Seiten, Reprodukt-Verlag, 12 Euro. Buchpräsentation und Ausstellung am heutigen Dienstag um 18 Uhr in der Remise des Stammhauses der Mendelssohnbank, Jägerstraße 51, Mitte. Informationen über die Jüdischen Kulturtage: Tel. 8802 8254 (mehrmals probieren). Internet: www.juedische-kulturtage.org, www.steinercomix.de

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