Berlin : Die Parteien sind fast im Rentenalter

SABRINA BORN

Mitglieder stark überaltert / Nur CDU zieht Jugend anVON SABRINA BORNDie politischen Parteien in Berlin zeigen immer mehr Falten: Seit der Wende nimmt der Anteil der Mitglieder unter 30 Jahren ständig ab.Das Durchschnittsalter liegt mittlerweile zwischen 50 und 60 Jahren.Eine Trendwende ist nicht in Sicht.Einzige Ausnahme: die CDU.Im Vergleich zu den anderen Parteien, aber auch zu den CDU-Landesverbänden von Bremen bis Bayern haben die Berliner beim Nachwuchs die Nase vorn.Mit 25,1 Prozent der 16 bis 39jährigen Mitglieder steht die Berliner Union bundesweit an der Spitze. Zulauf hat die Partei von Eberhard Diepgen vor allem bei den ganz Jungen.Von den 14 309 Mitgliedern sind 3550 (24,8 Prozent) aus der Altersklasse der 16- bis 24jährigen."Dort verzeichnen wir die höchsten Zuwächse", stellt Pressesprecher Matthias Wambach fest.Ob SPD, Grüne, PDS oder FDP - alle anderen haben hier das Nachsehen.Für den hohen Jugendanteil in der CDU hat Wambach eine Erklärung: "Uns haftet nicht der Stallgeruch von Technologiefeindlichkeit an.Neuen Kommunikationsformen wie dem Internet standen wir von Anfang an äußerst aufgeschlossen gegenüber." Doch trotz der jungen Neuzugänge hat auch die CDU ein Durchschnittsalter von 54 Jahren. Drastisch sieht es beim Koalitionspartner aus.Ähnlich wie bei der CDU sind in der Berliner SPD die meisten Mitglieder 50 Jahre und älter.Doch ist die Altersgruppe der 50- bis 60jährigen Genossen mit etwa 90 Prozent überproportional hoch vertreten.Von den 21 200 Parteibuch-Besitzern der SPD gehören knapp 1700, also acht Prozent, der Altersgruppe bis zu 30 Jahren an.Gemessen am Anteil dieser Altersstufe in der Berliner Bevölkerung zeichnet sich in der SPD ein gravierender Generationskonflikt ab: Von den 3,4 Millionen gemeldeten Einwohnern sind 33 Prozent unter 30. Ein Beispiel für die veraltete Mitgliederstruktur in der SPD ist die 38jährige Kerstin Raschke aus Hellersdorf.Sie ist die jüngste Kandidatin auf einem Spitzenplatz der SPD-Landesliste für die Bundestagswahl.Viele Jugendliche törnt die alte Tante SPD nicht mehr an.Die Rettung aus dieser Misere versprechen sich die Sozialdemokraten durch eine Senkung des Mitgliedsalters von 16 auf 14 Jahre, wie es der Parteitag in Hannover vergangene Woche beschlossen hat.Die Berliner SPD geht noch einen Schritt weiter: Sie hat für Schnellentschlossene ein Telefon eingerichtet.Anruf oder Fax genügt, und schon ist der eintrittswillige Schüler, Azubi oder Student Mitglied."Vernünftige Jugendpolitik läßt sich nur mit der Jugend machen, nicht an ihr vorbei", sagt Peter Hartig, Landesvorsitzender des Sozialistischen Schülerbundes.Jedoch müsse in der Partei umgedacht werden, damit es nicht bei einer Alibi-Funktion bleibt. Übertroffen wird die alte SPD noch von der PDS.Bundesweit sind hier nur zwei Prozent der 108 000 Mitglieder unter 28 Jahren.In der Parteizentrale am Rosa-Luxemburg-Platz werden Altersstatisken gar nicht erst geführt.Jugendreferent Stefan Grunwaldt ist auf Schätzungen angewiesen, weiß aber, "daß es einen großen Nachholbedarf unter 30 Jahren gibt".Nur in den alten Bundesländern, wo die PDS schwach vertreten ist, läßt der Jugendanteil die SED-Nachfolgepartei hoffen: Hier haben immerhin 3000 Mitglieder die 30 noch nicht überschritten. Auch die Grünen liegen im Trend: "Von den 3179 Mitgliedern sind 300, also ungefähr 9,4 Prozent bis 30 Jahre alt", vermutet Schatzmeister Werner Hirschmüller.Auch die Bündnisgrünen sind auf Schätzungen angewiesen, da nur zwei Drittel der Mitglieder das Geburtsdatum angegeben haben.Im Gegensatz dazu wirkt die FDP jugendlich.Von den 2700 Mitgliedern sind die unter 30Jährigen mit 18 Prozent (490 Mitglieder) vertreten.Die FDP hat mit ihrem Jugendanteil fast 10 Prozent Vorsprung vor der SPD, liegt aber deutlich hinter der CDU.

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