Berlin : Die Passion des Professors

Vom Regierenden gerüffelt, von den eigenen Leuten kritisiert – für Kultursenator Thomas Flierl wird die Politik immer mehr zum Leidensweg

Ulrich Zawatka-Gerlach

Er ist ein Grübler. Ein Dialektiker der alten Schule. Wenn Thomas Flierl spricht, hat er gleich den Widerspruch zu seiner These im Kopf. „Er wäre wohl besser Professor geworden“, hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit einmal gesagt. Er hat das gar nicht böse gemeint, auch wenn er manchmal böse auf Flierl ist. Die beiden Senatspolitiker verstehen sich persönlich recht gut. Sie sagen Thomas und Klaus zueinander. Trotzdem ist es kein Verhältnis auf gleicher Augenhöhe. Wowereit, der rigorose Technokrat und Machtmensch. Flierl, der wankelmütige, manchmal verspielte Intellektuelle, für den Regierungspolitik allmählich zum Leidensweg wird.

Kürzlich hat es mal wieder gekracht. Als der Kultursenator Flierl die Verantwortung für die Abwicklung der Symphoniker an das Parlament abgeben wollte. Wowereit hat ihn dafür in der Abgeordnetenhaussitzung am 17. März öffentlich gerüffelt. Auch die eigenen Leute in der PDS-Fraktion waren sauer. „Das macht Flierl bitte nicht noch mal“, hieß es. Er müsse mehr kämpfen für seine Sache und dürfe die Verantwortung nicht scheuen, fordern die Genossen. Bei der Opernstiftung, die der PDS-Mann beharrlich durchgefochten hat, war dies auch gelungen. Ansonsten aber hat Flierl keine glückliche Hand. Die Auswahl eines neuen Wissenschafts-Staatssekretärs hat ungebührlich lange gedauert. Der Sozialdemokrat Hans-Gerhard Husung hat den Posten bekommen. Auch die Kultur-Staatssekretärin Barbara Kisseler steht der SPD nahe.

Dem Senator Flierl wären Mitglieder der PDS in diesen Ämtern lieber gewesen. Aber wenn es keine gibt? Er selbst ist der letzte Mohikaner (Ost) im Senat. Die beiden anderen Rothäute, Harald Wolf und Heidi Knake-Werner sind gestandene West-Linke. Deshalb steht der angeschlagene Flierl auch ein bisschen unter Artenschutz. Seitdem Gregor Gysi weg ist, hat die Berliner PDS kaum noch ostdeutsche Politprominenz zu bieten. Mit den Restbeständen geht man pfleglich um, auch wenn die selten gewordenen Exemplare in der Haltung schwierig sind. Der Regierungspartner SPD kennt das Problem und toleriert es stillschweigend. Daraus soll auf keinen Fall ein bedrohliches Koalitionsproblem erwachsen.

Das heißt allerdings nicht, dass die Sozialdemokraten, namentlich der Regierungschef Wowereit, dem eigenwilligen Wissenschafts- und Kultursenator alles durchgehen lassen. Während der Uni-Streiks stieß seine schillernde Position zu den Finanzkürzungen im Hochschulbereich senatsintern auf Unverständnis. Und als Flierl ehemaligen DDR-Wisssenschaftlern, die nach 1989 entlassen worden waren, einen wiedergutmachenden Empfang im Roten Rathaus verschaffen wollte, hat ihn Wowereit – wiederum öffentlich – gerügt. Auch in der Frage, ob das Stadtschloss wieder aufgebaut werden soll, stehen Flierl und Wowereit in Opposition zueinander. Und am 4. April muss der Wissenschaftssenator auf dem Landesparteitag der PDS sein Studienkontenmodell durchbringen. Ob ihm das mit Hilfe des PDS-Landes- und Fraktionschefs Stefan Liebich und anderer Führungsleute gelingt, ist offen.

Vielleicht wäre Flierl besser dran, hätten SPD und PDS bei der Machtübernahme 2001 einen Kardinalfehler der großen Koalition rückgängig gemacht: Die Zusammenlegung des Hochschul- und Forschungsressorts mit der Kultur. Diese Doppelbeanspruchung ist bisher noch keinem Senator gut bekommen. Weder der Politprofi Peter Radunski (CDU) noch der Kultur-Guru Christoph Stölzl (CDU) sind damit glücklich geworden. Ganz zu schweigen von Christa Thoben (CDU), die schnell das Handtuch warf. Aber das kann Flierl nicht trösten. Politische Erfahrung fehlt ihm eigentlich nicht: als ehemaligem wissenschaftlichen Mitarbeiter des letzten DDR-Kulturministers Dietmar Keller, als Ex-Kulturamtsleiter und Baustadtrat, als Mitglied des PDS-Parteivorstands und Volksvertreter im Abgeordnetenhaus.

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