Berlin : Die Peinlichen schlagen zurück - Geschmähte Prominenz im "90 Grad"

Bernd Matthies

Peinlich: "Unangenehm, beschämend; pedantisch, genau, sorgfältig". Sagt der Duden. Was sagt der "Tip", wenn er Anfang des Jahres die "100 peinlichsten Berliner" ernennt? Niemand weiß es. Die Liste reichte von bekannten Großnervensägen bis zu hochseriösen Sympathieträgern und war offensichtlich vom neidischen Gedanken getragen, allen Berlinern eins reinzuhauen, die 1999 erfolgreich waren oder - was nicht das Gleiche ist - in den Medien präsent.

Doch wie das nun einmal so geht: Auch die Opfer profitieren davon. Klaus Siebenhaar, der Sprecher des Deutschen Theaters (Platz 25) drehte jetzt den Spieß um und verabredete mit der Mannschaft der Diskothek "90 Grad" (Platz 100) eine Nacht der Peinlichen. "Es bleibt uns nichts anderes übrig, als vollen Erfolg zu wünschen", textete der nicht beteiligte "Tip" schmallippig, doch dieser Wunsch ging in der Nacht zum Donnerstag nicht wirklich in Erfüllung. Mehr als eine Handvoll der Gewürdigten verirrte sich nicht in die Feierlichkeit; wer es doch tat, gab vor allem zu Protokoll, dass er sich unterschätzt sehe. "Platz 96 kann nicht das letzte Wort sein", sagte Axel Wallrabenstein, ehemals Sprecher bei Peter Radunski, und auch Klaus Siebenhaar ging entschlossen gegen seine mittelprächtige Einstufung vor, indem er sich von der notorischen Rockstar-Masseuse Doctor Dot (Platz 27) demonstrativ die Füße kitzeln ließ. Rolf Eden (Platz 9) verschwand samt Begleiterin, bevor es überhaupt richtig los ging, Egon Krenz war aus naheliegenden Gründen verhindert, und mit Georg Gafron, Axel Nawrocki oder Eberhard Diepgen hatten wohl auch die Organisatoren nicht wirklich gerechnet.

Tagesspiegel-Herausgeber Hellmuth Karasek, den die Streubomben der Tip-Redaktion auch erwischt hatten, kam dagegen im Bewusstsein einer Pflichtaufgabe gleich zwei Mal: einmal um elf, als er praktisch der einzige Gast war, und dann anderthalb Stunden später noch einmal mitten ins Gedränge. Nach zwei oder drei Kurzinterviews im Musikgedröhn ging er in einer ruhigeren Ecke vor Anker und zog selbstkritisch Bilanz: Die ganze Sache werde durch den Nachschlag auch nicht weniger peinlich.

Er ging gegen eins und verpasste dadurch einen der üblichen Berliner Party-Höhepunkte, die darin bestehen, dass werdende Prominente, durch allerhand Genussmittel gelockert, in die Rolle fallen. Amüsier-Girlie Ariane Sommer machte sich kopfüber an Oliver Juhnke (Platz 23) zu schaffen - das müsste auch ihr für die Aufnahme in die nächste Liste reichen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar