Berlin : Die Person Hoffnung (Kommentar)

Peter von Becker

Das wäre die oft umraunte "große" Lösung: wenn ein Kopf wie Wolf Lepenies für das Amt des Berliner Kultur- und Wissenschaftssenators gewonnen würde. Die Initiative, Lepenies zu fragen, werden alle, die den Zusammenhang von geistigem Kapital und politischer Kapitale erkennen, sofort als Chance begreifen und begrüßen. Kleinbürgerliches Funktionärsdenken würde so zumindest an der Spitze einer notabene auch krakenhaften Verwaltung entschieden konterkariert: durch den Intellekt eines weltläufigen, gebildeten Großstadtbürgers. Ob daraus auch praktische Politik wird?

Das ist die Frage. Allerdings wird sie immer am lautesten gestellt, wenn ein Mensch mit Ideen oder gar Phantasie in die Politik wechselt: so, als sei dieses Geschäft nur noch sachzwanghaftes oder seilschaftsmäßiges Machwerk, als sei Bildung gleich Einbildung und Intellektualität identisch mit Praxisferne. Wolf Lepenies könnte ein Gegenbeispiel sein. Der Soziologe, dessen Studien vom "Ende der Naturgeschichte" bis zum Fall der "Deutschen nach der Vereinigung" reichen, und der zuletzt eine brillante Biografie des französischen Kulturkritikers Sainte-Beuve veröffentlicht hat, er ist ein Mann durchaus auch mit Macht- und Tatsinn. Und als Rektor des Wissenschaftskollegs ein mit organisatorischem Talent begabter Kommunikator und Vermittler im weltweiten Netz von Institutionen, Mächten und Menschen. Berlin und die Bundesrepublik sind nicht so arm an Geld und Möglichkeiten, wie es im allgemeinen Riestern den Anschein hat. Auch kommt es in der Kosten-Nutzen-Relation allemal billiger, einen guten statt eines mittelmäßigen Intendanten oder Museumsdirektors zu finden. Und Hochschulgesetze, die den Universitäten mehr Freiräume jenseits von Kameralistik und beamtenrechtlich versteinerten akademischen Laufbahnen ermöglichen würden, müssen für die öffentlichen Haushalte keineswegs Mehrkosten bedeuten. Lepenies wäre hier gerade mit seinen amerikanischen Erfahrungen ein Anreger. Im Übrigen ist entscheidender als Parteibindungen, dass ein künftiger Kultur- und Wissenschaftssenator kein politischer Job-Rotierer mehr ist, sondern inhaltliche Kompetenz und Rationalität verkörpert - im Widerstreit mit den Finanzverantwortlichen, im Gespräch mit der Bundesregierung, den Künstlern und einer die gewandelnde Stadt repräsentierenden Öffentlichkeit.

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