Berlin : Die Phantome der Hutmacherin

Die Lange Nacht der Museen startete diesmal mancherorts doch eher gemächlich. Das könnte am Wetter gelegen haben

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Ja, wenn wir alle Eskimos wären! Dann würden sich die Massen vor allen 90 Häusern der Langen Nacht der Museen bereits kurz nach deren Start drängeln, erwärmt allein schon durch die so entstehende mitmenschliche Nähe. Da nun aber mit dem erneuten Einbruch von Schnee, Eis, Kälte keiner mehr gerechnet hatte, alle eher dachten, der Frühling sei da, bekam mancher Museummann und manche frau gestern Abend doch erst mal kalte Füße: Was, mehr wollen diesmal nicht zu mir kommen?

Es muss wohl tatsächlich am Wetter gelegen haben, dass die endlos lange Bildungsnacht diesmal mitunter etwas schleppend ansetzte. So beispielsweise in der Friedrichwerderschen Kirche, wo in den ersten Abendstunden deutlich weniger los war als in früheren Jahren, wie eine Mitarbeiterin sagte. Nur eine Handvoll Schaulustiger hatte sich zu ihr verirrt, anfangs kaum für eine Führung zu begeistern. Aber der Abend war ja noch lang.

Ähnlich sah es im Musikinstrumentenmuseum aus. 30 bis 40 Interessierte lauschten dort einem Konzert mit historischen Instrumenten. Verhalten ging es auch in der Berlinischen Galerie los, obwohl sie doch nach langer Zeit endlich wieder ein Haus mit Zukunft präsentieren kann, im neuen Domizil in der Alten Jakobstraße in Kreuzberg. Man hatte sich dort alle Mühe gegeben, das Publikum zu verwöhnen, mit kleinen Sitzgruppen, Bar, nicht nur ein Ort der Kunst, sondern auch des Kuschelns.

Die alten Meister in der Alten Nationalgalerie erweisen sich schon früh am Abend als den Minusgraden des Wetters eindeutig überlegen. Eine gut 100-köpfige Schlange wartete geduldig auf Einlass, sie wollte gar nicht kürzer werden, wie es schien. Gut besucht auch die Gemäldegalerie im Kunstforum am Potsdamer Platz. Der Vorverkauf sei eher schleppend gewesen, jedenfalls deutlich geringer als früher, hieß es. Am Abend hat sich das wieder spielend leicht ausgeglichen.

Ging es dort angesichts der Meisterwerke sehr gesittet und ruhig zu, war im Technikmuseum richtig was los: Es krachte, puffte, quietschte und knallte. „Vom Schuften und Schaffen“, hieß dort das Motto. Auf vielen Etagen wurde gewerkelt und experimentiert. Feurige Farbenspiele und farbiges Feuer zauberte ein Chemiker im Labor. Im „Klingenden Museum“ probierten Kinder lautstark Geigen und Oboen aus. Direkt daneben sauste ein Modellflugzeug mit Elektroantrieb im Kreis.

Im Oldtimerdepot war ausnahmsweise eine Automobilwerkstatt für Neugierige geöffnet: Ein Mercedes-Benz stand dort mit abmontierter Haube zur Restauration bereit. Auf einem weißen Tuch war der Dieselmotor in seine Einzelteile zerlegt.

Eine alte Technik lag dagegen in der Druckmaschinen-Abteilung wieder ganz im Trend: Der Kartoffeldruck lockte scharenweise Kinder an, die rote, grüne und gelbe Sterne, Tiere und Pflanzen auf ein Plakat mit dem Aufdruck „Wir sind dabei - Lange Nacht der Museen“ stempelten.

Funken flogen bei den Schmieden, die ihr historisches Handwerk demonstrierten. Anderenorts traten zwei Stickmaschinen, eine moderne und eine von 1928, im Wettbewerb gegeneinander an: wer wohl am schnellsten ein Taschentuch bestickt. Und eine Hutmacherin krempelte, filzte und formte aus einem unförmigen Berg pinkfarbener Wolle in nur eineinhalb Stunden einen schicken Damen-Filzhut. frh/meo

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