Berlin : Die Phrasenmäher

Im „EM-Studio-Mitte“ werden Fußballübertragungen zum Spaßereignis

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Es gehört inzwischen ja schon fast zum guten Ton, sich über FußballKommentatoren zu beschweren. Gerade zur EM regen sich die Experten vor den Großbildleinwänden gerne gemeinsam auf oder lästern. Doch es gibt eine Alternative. Im „EM-Studio-Mitte“ wird der normale Fernsehkommentar einfach ausgeblendet. Stattdessen sitzen die drei Kommentatoren Sven-Ole Knuth, Felix Ney und ihr Kompagnon, der sich Waldefried Forkefeld nennt, selbst am Mikrofon. Sie unterhalten zur eingespielten Stadionatmosphäre das Publikum mit ihrer Mischung aus Sachkompetenz, Wortwitz und ihrer alternativen Sichtweise auf die mediale Darstellung des Produkts Fußball. „Die Fernsehübertragungen sind uns zu weich gespült. Wir inszenieren die Spiele noch einmal neu“, sagt Felix Ney, der zusammen mit Sven-Ole Knuth seit 2003 auch Stadionsprecher beim 1. FC Union ist.

In Prenzlauer Berg genießt die Gruppe, die eigentlich „WM-Studio- Mitte“ heißt, schon länger Kultstatus. Bereits seit der Weltmeisterschaft 2002 macht sie aus der Übertragung von Fußballspielen ihre eigene, bunte Show. Dabei sind die Mitglieder eigentlich ernsthafte Fußballfachmänner. Knuth und Forkefeller haben eine sportjournalistische Ausbildung. Seit zwei Jahren sind sie im Einsatz gegen „Faktenhuberei, Phrasendrescherei und Schönfärberei schlechter Spiele“ (Forkefeller) im Fernsehen, haben Übertragungen von der Bundesliga und der Champions League kommentiert. Doch die Persiflage wird auch nicht zu weit getrieben, schließlich geht es um Fußball. Der sachliche Kommentar steht im Vordergrund, doch die ironischen Brechungen der immergleichen Darstellung in den Medien und gelegentliche absurde Exkurse geben den Übertragungen einen neuen, vor allem witzigeren Klang.

Das Publikum ist für diese Abwechslung mehr als dankbar und drängt sich jeden Tag im Haus 1 des Pfefferbergs in Prenzlauer Berg, wo im Rahmenprogramm mit Moderator Mirco Dziekanski wechselnde Live-Musik geboten wird oder Talk-Gäste auftreten. Es gibt sogar eine eigene kleine Modelinie aus T-Shirts und Anzügen, auf denen Fußballer-Konterfeis prangen. Bis zur WM 2006 will das Team auch über Berlin hinaus ein Begriff sein. Das hört sich so an, als ob aus der ungewöhnlichen Idee sogar eine kleine Firma entstehen könnte. „Soweit ist es noch nicht. Wir positionieren uns an der Schnittstelle von Kommerz und Konkurs“, sagt Felix Ney.

Ein durchgeplantes Konzept gibt es nicht, die Fußballshow bezieht ihren Charme aus den Reaktionen des Publikums – dass einen erstaunlich hohen Frauenanteil aufweist – und dem Improvisationstalent der Kommentatoren, die gezeigten Bilder anders als gewohnt zu beschreiben. Und so entsteht während jeden Spieles neben dem anderen Grundton auch ein neues, interaktives Gesamtbild. Waldefried Forkefeller sagt: „Wir malen uns das alles so, wie wir das brauchen.“

EM-Studio-Mitte, Pfefferberg, Haus 1, Christinenstraße, nahe U-Bahnhof Senefelderplatz in Prenzlauer Berg. Weiteres im Internet unter www.emstudiomitte.de

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