Berlin : Die pikierte Schwester

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Von Elisabeth Binder

Das Kaminzimmer in der Hamburger Landesvertretung ist raumgewordene Gediegenheit. Schwere, elegante Vorhänge, ein antikes Sideboard, Stühle mit eingeprägtem Wappen – so stellt man sich das Leben in der reichen Hansestadt vor.

Staatsrat Reinhard Stuth wirkt dann gar nicht so gemessen, wie man es erwartet hätte, obwohl oder gerade weil er gebürtiger Hamburger ist. Allerdings hat er auch schon mal für die Berliner Landesvertretung in Bonn gearbeitet, in den frühen 90er Jahren in Bonn. Interessenkonflikte zwischen der früheren und der jetzigen Aufgabe sieht er nicht, im Gegenteil. „Ein Land hat zwar Interessen, aber es braucht Verbündete“, sagt er. Hamburg und Berlin sind die idealen Verbündeten, „beide Metropolen, beide in Norddeutschland“. Außerdem wäre es „für uns schon wünschenswert, wenn Berlin einen internationalen Umsteigeflughafen hätte“, möglichst angebunden an einen Hochgeschwindigkeitszug, der von Hamburg über Berlin und Prag gern bis Wien weitergehen dürfte. Gehe es etwa um die Einführung der Lkw-Maut, „gibt es keine Unterschiede“.

Irgendwo muss es aber doch welche geben, dachten die Gäste eines Empfangs, bei dem der Hamburger Erste Bürgermeister Ole von Beust seinen ersten Auftritt in der Landesvertretung hatte. Plötzlich wehte da der eisige Hauch der Konkurrenz durch den Raum. Den Hintergrund hat Stuth schnell erklärt. Hamburg kennt zwar großen privaten Reichtum, muss aber andererseits auch mit einer riesigen öffentlichen Verschuldung klar kommen. Die Konkurrenz zu Berlin liegt im Wettbewerb. Früher sahen die Hamburger vor allem die Bremer als Konkurrenz an, inzwischen ist es Berlin, weil es eine ungeheure Sogwirkung hat. Kleinere Länder schließen ihre Konsulate in Hamburg mit der Begründung, dass sie alles auch von Berlin aus erledigen können. Und dann gab es da noch einen entscheidenden Punkt, der zur Klimavereisigung beigetragen hat: die Abwerbung von Unternehmen wie Universal Music.

Berlin hat einen anderen Förderstatus als Hamburg, kann also, anders als die Hansestadt, Unternehmen mit Subventionen locken, die zum Teil aus dem Länderfinanzausgleich gezogen werden. „Wir finanzieren also, dass uns Arbeitsplätze weggeholt werden“, sagt der Staatsrat nicht geradezu eisig, aber doch hörbar empört. Bei weiter freundlichem Klima wolle man sich in Brüssel dafür einsetzen, dass Berlin diesen Förderstatus verliert.

Davon abgesehen fühlen sich die Hamburger offensichtlich wohl in der Rolle der vorbildlichen, wirtschaftlich erfolgreicheren Schwester. „Im Moment kommen jährlich so viele chinesische Unternehmen nach Hamburg, wie es in Berlin insgesamt gibt“, sagt Reinhard Stuth. Und er redet nicht von China-Restaurants, sondern von Banken, Stahl und Reedereien. Europas erstes deutsch-chinesisches Gymnasium wird gerade in Hamburg gegründet. Die gute Beziehung zu China wird auch in der Landesvertretung sichtbar. Die Beletage wird mit moderner chinesischer Kunst ausgestattet, gesponsert von Hamburger Unternehmern. Fast hundert hamburgische Unternehmen haben inzwischen Niederlassungen in China. Das jährliche große Fest, das jede Landesvertretung ausrichtet, orientiert sich bei den Hamburgern am chinesischen Mondfest. Übers Jahr hält man sich eher zurück mit dem Feiern. „Wir kümmern uns um die Lobbyisten, die in der Regierung sind, um diejenigen, die sich als Hamburger fühlen, um Freunde Hamburgs und solche, die es werden wollen. Mit den großen Ländern wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen können wir nicht mithalten, müssen intelligenter und kreativer sein und Prioritäten setzen.“ Zu denen gehört die Arbeit für eine feste Querung über den Fehmarn Belt. Wer daran mitwirken kann, wird in der Landesvertretung willkommen geheißen und mit argentinischen und chilenischen Weinen verwöhnt, die gleichzeitig die starke Beziehung zu Lateirika dokumentieren sollen. Folklore im Sinne von Fischmarkt braucht wirklich niemand zu befürchten, der in die Vertretung kommt, eher schon ein bisschen Snob-Appeal.

„Unsere Folklore ist die Welt“, sagt Reinhard Stuth zufrieden lächelnd. „Wir haben schon vor 500 Jahren global gedacht.“ Zu den Förderern der Landesvertretung zählt etwa eine Bank, die ihre Hilfe mit der Begründung anbot, dass sie schon seit 412 Jahren Steuerzahler sei. Hamburg möchte zum Beispiel gern zwei Häfen in Indien kaufen. Da wird man sicher den Besuch des indischen Finanzministers wahrnehmen, um ihn zu einem gediegenen Abendessen in die Landesvertretung einzuladen.

Hamburger Beamte auf Dienstreise müssen in der Vertretung übernachten, um Hotelkosten zu sparen. Ein festes Zimmer im Haus besitzt indes nur Helmut Schmidt. Auch der Erste Bürgermeister nutzt die gastlichen Gefilde gern, wenn er am Wochenende nach Berlin kommt, „um hier um die Häuser zu ziehen“.

Reinhard Stuth ist seinerseits häufiger in Hamburg, um dort den Chef der Senatskanzlei zu vertreten, was den gelernten Juristen, der auch einige Semester Afrikanistik studiert hat, dann zum „Staatsratsvorsitzenden“ macht, wie er amüsiert erzählt. Touristen nach Hamburg zu locken, sieht er indes gar nicht als seine Aufgabe an. Eher könne man Hamburg und Berlin gemeinsam vermarkten. Ein paar Chinesen, so klingt das bei aller Snob-Attitüde durch, würden die Hamburger den Berlinern schon abgeben. Wenn die im Gegenzug die großen Unternehmen an der Elbe lassen.

SERIE (11): LÄNDERVERTRETUNGEN IN BERLIN

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