Berlin : Die Platte brummt

Honey Neustadt ist ein Kunstprojekt – und das Zuhause von einer Million fleißiger Insekten

Annette Kögel

Thorsten Querndt zieht eine Schnute. „So ’ne Kunst, da halt ich nichts von“, sagt der Wachschützer vor der Bundesdruckerei an der Kreuzberger Kommandantenstraße – und zeigt auf die Mini-Plattenbauten auf dem Brachengrundstück Nummer 18 gegenüber. „Ich möchte mal erleben, dass es was Positives zu Plattenbauten gibt.“ Querndt wohnt selbst in der Platte, er hat früher als Bauarbeiter zehn Jahre lang Plattenbauten in Ost-Berlin montiert und miterlebt, wie Erich Honecker die Zeitungen bei den Grundsteinlegungen versenkte. Doch der Werkschützer sollte mal ausschwärmen und sich die Bienen-Installation von Franz Höfner und Harry Sachs aus Prenzlauer Berg genauer anschauen.

„Honey Neustadt“ heißt das von der Senatskulturverwaltung geförderte Stadtkunstprojekt auf dem ehemaligen Mauerstreifen. Der Name kommt daher, dass die Künstler zuletzt eine Ausstellung in Halle-Neustadt erarbeiteten – und während dieser Zeit in einem Plattenbau wohnten. „Da war keine Tapete mehr an der Wand, nur die Graffiti der Bauarbeiter, und man hatte nachts einen irren Blick auf die Industrieanlagen“, sagt der 35-jährige Höfner. Jedenfalls haben die Bauten die beiden animiert: Schwirrten doch die Chemiearbeiter der DDR-Betriebe Leuna und Buna einst rein und raus wie emsige Bienen. So war die Idee zu der zu Pfingsten eröffneten Öko-Installation geboren.

Die beiden Kreativen stapelten diese typischen Bienen-Styroporboxen mit Seitenwänden für die Waben in ihrem Atelier an der Kommandantenstraße 22 übereinander. Und ummantelten die Hochhäuser im Format 1:20 mit Polystyrol-Flächen, wie man sie für Architektur-Modelle benutzt, samt Fenstern und Wabendekor. Die Dächer sind sogar gegen Hitze isoliert. Acht Plattenbauten des Typs „WBS 70“, „P2“ und „PHH 12“ bzw. „14“ wuchsen so in die Höhe. Platten finden die beiden toll, „die sind ja schon Kult“. Die meist zu Architektur, Mobiliar und Wohnen arbeitenden Berliner Künstler konnten den Imker Martin Perschke vom Bioland-Betrieb „Bienen-Schulze“ aus dem brandenburgischen Selchow als Sponsor und Betreuer gewinnen. Er setzte also acht Bienenvölker à 80 000 Bienen aus. „Die haben sich aber schnell kräftig vermehrt“, sagt der 31-jährige Harry Sachs, „inzwischen leben dort fast eine Millionen Bienen in 16 Völkern.“

Eine Million Bienen, unweit der Oranienstraße, der Leipziger Straße, dem Alex. Durchschnittlich schwärmen die Tiere bis zu drei Kilometer aus zum Sammeln, sie schaffen aber bis zu zehn Kilometer. Ist das nicht gefährlich? Franz Höfner und Harry Sachs nehmen den Bauzaun beiseite und laufen mit zu den Stöcken – einen Meter vor den Bauten ist aber Halt. Alles bleibt ruhig. „Anders als Wespen sterben Bienen, wenn sie stechen, und sind von sich aus überhaupt nicht aggressiv“, beruhigt auch Imker Perschke. Deshalb hat das bezirkliche Veterinäramt die Aktion sofort genehmigt. Seit Anfang Juni habe sich erst ein Mieter beschwert – nachdem er von „Honey Neustadt“ aus den Medien erfuhr. „In Berlin gibt es zehntausende Bienenvölker, und niemand bekommt davon etwas mit“, sagt Perschke.

Von dem Plattenbau-Völkchen aber schon. Am 30. September gibt es ab 15 Uhr eine Finissage mit Honigstullen, und dann kann man sogar Gläser mit „Berliner Blüte“ kaufen. Bis zu 500 Kilogramm Honig werden nämlich auf der Brache mit ungewisser Zukunft produziert; das Areal haben die Künstler gegen eine landwirtschaftliche Pacht gemietet. „Wir lassen den Honig gerade analysieren, der hat einen tollen würzigen Geschmack, den wir so nicht kannten“, sagt Imker Perschke. Derweil sind Höfner und Sachs schon wieder emsig in anderer Sache unterwegs: Für die Aktionsschau „Normalnull“ an den Gewässern Berlins ab 20. August und zu einem Kunst-Stipendium in Budapest.

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