Berlin : Die Poesie der Besetzung

Vor der Sanierung: Aktionskünstlerverzaubern ein leer stehendes Haus in der Kastanienallee

Judith Jenner

Tagsüber nimmt man kaum Notiz von dem Haus an der Oderberger Straße, Ecke Kastanienallee. Die Mauern sind fast schwarz. Große Plakate kündigen an, dass man hier Eigentumswohnungen kaufen kann und die Sanierung bald beginnt. Eigentlich müsste es leer stehen. Doch plötzlich öffnet sich ein Fenster. Eine weiße Spitze schiebt sich hinaus. Dann kommt eine Rakete zum Vorschein. Auch in anderen Fenstern ist jetzt Licht. Eine junge Frau schaukelt aus einer Balkontür hinaus. In einem grün gestrichenen Zimmer macht ein Mann in roten Sportsachen Gymnastik. Irgendwo hört man Flugzeuggeräusche.

Die seltsamen Nachbarn sind Künstler und Studenten. Sie spielen seit Mitte September eine Hausgemeinschaft. „Hinter jedem Fenster verbirgt sich eine Persönlichkeit mit einer eigenen Geschichte“, sagt Wolfgang Krause. Er hat die Rolle des Hausbesitzers übernommen. In seinem Büro hängen Mietverträge an der Wand. Seine Person hat ein lebendes Vorbild, den echten Hausbesitzer. Er fand die Idee einer temporären Nutzung durch die Künstler hervorragend. Bis Ende Oktober die Vollsanierung beginnt, können sie am Fenster Konzerte veranstalten und die Passanten überraschen.

Zum Beispiel neulich. Da liefen die Hausbewohner in Schlafanzügen rückwärts über die Kastanienallee. „Diesen Brauch haben zwei Leute aus China mitgebracht“, sagt Wolfgang Krause. „Die Chinesen treffen sich abends gerne nochmal auf der Straße zu einem Plausch im Schlafanzug. Und Rückwärtslaufen schult die Konzentration.“

Nur die etwa 50 „Mieter“ und ihre Gäste dürfen das Haus betreten. Innen mussten Treppengeländer gesichert und Bauschutt entfernt werden. Inzwischen identifizieren sich alle mit ihrer Geschichte. Zum Beispiel der Raketenbauer Paul Darius. Er plant, wenn die Bauarbeiter Ende Oktober vor der Tür stehen, die Flucht ins All. Die Flugzeuggeräusche kommen aus einem versteckten Lautsprecher. Klangkünstler Stefan Rummel versucht so, seine Kindheit in der Einflugschneise des Flughafens Tegel zu verarbeiten. Das Sportstudio ist der Kern des gemeinschaftlichen Lebens. Mit Fitnesstrainer Sebastian Siechold spielen die Bewohner nachts Fußball.

Die Nachbarn haben sich von der Kunstaktion anstecken lassen. Ein Haus weiter hat ein Mieter ebenfalls sein Fenster dekoriert. Aus Solidarität mit der Mieterin Silvia Lorenz, die seit dem Einzug auf der Suche nach ihrem entlaufenen Kater Clou ist, reflektieren auf den Balkonen gegenüber Fahrrad-Katzenaugen.

„Das Haus hat es nicht verdient, leer herumzustehen“, sagt Wolfgang Krause. Er lebt seit vielen Jahren im Kiez und hat gesehen, wie die Besitzer wechselten und das Gebäude drei Jahre unbewohnt war. Auch wenn die Bauarbeiter anrücken, lässt sich die Gruppe nicht vertreiben. Die Künstler bauen dann zwar ihre Installationen ab, aber die imaginären „Mieter“ verschwinden unter der Bauplane.

Heute ab 20 Uhr feiert die Hausgemeinschaft in der Kastanienallee 15/ Oderberger Str. 8 ein Hausfest. Infos gibt es unter www.daheim-berlin.de.

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