Berlin : Die Pokémons kommen: Neue Gameboy-Monster aus dem Reiche Nintendo

Andreas Conrad

So also sieht ein Erfolgserlebnis aus: "Pikachu is o.k. with you." Schön und gut, aber wie sieht es umgekehrt aus? Hat sich da ebenfalls eine Beziehung aufgebaut? Und überhaupt, soll das alles gewesen sein? Manchen Knopf an diesem Mini-Gameboy, der aussieht wie ein Fahrradtachometer, haben wir gedrückt, mal piepst es, mal nicht, ab und zu taucht Pikachu auf, eine Kreuzung aus Hase und Eichhörnchen, macht Männchen, wackelt mit dem Schwanz, auch tauchen Zahlenkolonnen auf, rätselhaft und ab einem gewissen Alter ohne Lesebrille kaum zu entziffern. Ja, das ist eindeutig was für Jüngere, die so eine Monstermaschine wahrscheinlich auch mit geschlossenen Augen bedienen könnten - dieses Gamebaby, das Journalisten in der blauen Halbkugel an der Budapester Straße gestern dutzendweise zugesteckt wurde, als Erinnerung an die historische Stunde; und erst recht den eigentlichen Gameboy, wenn er denn am 8. Oktober auch in Deutschland in den Handel kommt.

Historisch, das war die europaweit erste Präsentation von "Pokémon" im ehemaligen Kugelkino ganz gewiss, allein schon angesichts der Millionenzahlen, die den von Nintendo einberaumten Pressetermin würzten. Diese Pokémons (der Name ist eine Verballhornung von "Pocketmonster") müssen sich demnach in Japan, den USA und auch Australien als wahre Goldesel bewährt haben. Im Februar 1996 kamen die Spiele in Japan auf den Markt, haben sich dort mehr als zwölf Millionen Mal verkauft. Ende August begann der Siegeslauf in den USA, immerhin 3,5 Millionen Spiele fanden dort bereits Käufer. Ein ganzer Rattenschwanz von Merchandising-Produkten hat sich bereits entwickelt, allein 1500 Produkte in Japan, darunter Comics, Plüschtiere, Schlüsselanhänger, Pausensnacks - Lizenzumsatz über neun Milliarden Mark. Es gibt Sammelkarten, CDs, Zeichentrickfilme fürs Kino und Fernsehserien, durch eine Folge, im Dezember 1997, gelangte die wohl erste Kunde von Nippons neuen Fabelwesen nach Deutschland: die Lichteffekte waren so gut gelungen, dass 700 junge Zuschauer unter Krämpfen, Sehstörungen und Schwindelanfällen litten.

Derlei Verstörungen sind bei so einem Gameboy aber ausgeschlossen, und ohnehin ist der offenbar das tollste Ding der Welt. Jedenfalls für die Nintendo-Leute, die gestern für ihr Spielzeug mächtig Stimmung machten, und sie haben gewiss auch gute Chancen, dass Pokémon "auch unter den deutschen Jugendlichen das Thema Nr. 1" wird, wie sie prognostizierten. Unterschiedliche, sich perfekt ergänzende, zugleich archaische wie moderne Leidenschaften werden von den Minimonstern angestachelt, die in so einem Gerät ihr Unwesen treiben. 150 gibt es insgesamt, darunter Pikachu als eines der populärsten. Zwei Versionen (die rote und die blaue "Edition") werden angeboten, in beiden stecken aber nur jeweils 139 der begehrten Figuren. Man muss sie teilweise erst finden, kann sie dann, indem man sich auf dem Schulhof an die Gameboys anderer Spieler anstöpselt, durch Tausch ergänzen. Ein schwunghafter Handel in rudimentärer Form soll sich mancherorts entwickelt haben, so schlimm, dass die kleinen Biester in den USA schon von Schulhöfen verbannt wurden. Doch nicht nur halbwegs zahme Sammel- und Tauschgelüste werden angeregt, ohne Action lockt auch die Aussicht auf ein komplettes Bestiarium kein Computer-Kid hinter dem Ofen vor. So haben alle Pokémons eigene Charaktereigenschaften und Begabungen, werden von virtuellen Minimenschen, mit denen sich die lieben Kleinen prächtig identifizieren können, zu immer effektiveren Kampfmaschinen trainiert, die von den Jungen und Mädchen per Knöpfchen aufeinandergehetzt werden.

Eine Invasion im Kinderzimmer steht also bevor, für die Eltern eher ein Anschlag auf den Geldbeutel. Ausgangspunkt der Attacke: die blaue Halbkugel, in deren ungenutztem Mittelgeschoss, zwischen MTV und Sabine Christiansen, ein gestern eröffnetes Pokémon-Center eingerichtet wurde. Im September folgen Roadshows in zehn Großstädten, ein Pokémon-Weekend mit Riesenmonstern in Bussen und auf Motorrädern ist angekündigt, auch die Funkausstellung wird im großen Rahmen genutzt. Anfang Oktober ist es dann soweit: Pokémon ante portas.

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