Berlin : „Die Polizei hat uns nicht geholfen“

Schwere Vorwürfe gegen Ermittler beim Mordprozess gegen einen 45-Jährigen

Kerstin Gehrke

Ihr Mann war zur Polizei gegangen – und weggeschickt worden. „Wir haben um Hilfe gebeten“, schluchzte seine Witwe gestern auf dem Flur des Moabiter Kriminalgerichts. Naim C., ihr Ehemann, ist einen Monat nach seiner ersten Anzeige gegen seinen Schwager Yalcin S. erschossen worden. Seit gestern muss sich der 45-jährige S. wegen Totschlags vor dem Landgericht verantworten.

Die türkischen Familien leben seit Jahrzehnten in Deutschland. Ihre Treffen schienen zunächst unbelastet. Man sah sich auf Festen, die Ehefrau des Angeklagten hatte Arbeit am Gemüsestand der Familie C. gefunden. Aber aus irgendeinem Grund war Yalcin S. seit Jahresanfang nicht mehr gut auf seinen Schwager zu sprechen: Ihr Mann habe von Hass auf Naim C. gesprochen, gehe mit einer Pistole zu Bett, vertraute die Ehefrau ihren Verwandten an. Naim C. ging Anfang April zur Polizei. Er zeigte den Schwager wegen Bedrohung an und warnte vor den Schusswaffen, die S. besitze.

„Anfang Mai war mein Mann dann bei der Staatsanwaltschaft“, erzählte die Witwe am Rande des Prozesses. Wenige Stunden später stand sein Schwager S. vor der Tür. In der Huttenstraße kam es den Ermittlungen zufolge zunächst zu einem Streit mit einem Gerangel. Yalcin S. soll seine Pistole gezogen und seinem Opfer zweimal in das linke Bein geschossen haben. Als sich Naim C. humpelnd in Sicherheit bringen wollte, soll er ihn an der Schulter gegriffen, zu sich gedreht und aus kürzester Distanz mehrere Kugeln abgefeuert haben.

Der 50-jährige Naim C. lag bereits blutüberströmt am Boden. Da setzte der Todesschütze zu einem weiteren Schuss an. Er trat ganz dicht an sein Opfer heran, zielte auf den Oberkörper und drückte ab. Für den Gemüsehändler kam jede Hilfe zu spät. Insgesamt elf Schussverletzungen trug er davon. „Ich bin mit meinem Mann unter der Erde“, weinte die Witwe, die im Prozess als Nebenklägerin auftritt. Neben ihr sitzen auch ihr Sohn, der 80-jährige Vater des Getöteten und vier weitere Verwandte. Sie können sich nicht erklären, was den Täter trieb. Sie haben nur Vermutungen: „Vielleicht Neid.“

Am 3. Mai, dem Tattag, war bei der Polizei endlich Bewegung in den angezeigten Bedrohungsfall gekommen. Der Vorgang ging an die Staatsanwaltschaft, damit ein richterlicher Durchsuchungsbeschluss erwirkt und der mutmaßliche Waffenbesitz geklärt werde. Doch gegen Abend starb der Mann, der um Hilfe gebeten hatte. Polizeipräsident Dieter Glietsch gab Fehler seiner Behörde zu und entschuldigte sich bei der Familie.

Yalcin S., der mutmaßliche Todesschütze, schwieg gestern vor den Richtern. Die Beweise sind erdrückend. Kernfrage dürfte seine Schuldfähigkeit sein. Ein Gutachter soll Hinweise auf eine schizophrene Ich-Störung festgestellt haben. Yalcin S. reinszeniere 20 Jahre zurückliegende Kränkungen. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt. Kerstin Gehrke

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