Berlin : Die Polizei klopft mit dem Rammbock an

Morgens um sechs Uhr brach das Spezialeinsatzkommando die Tür zur Dachgeschosswohnung von Frau E. auf – weil ihr Freund angeblich eine Pistole besitzt

Jörn Hasselmann

Geklingelt haben die maskierten Männer um sechs Uhr früh nicht. Fünfmal müssen sie mit ihrem Rammbock Anlauf nehmen, bis die schwere Stahltür der Dachgeschosswohnung auffliegt. „Polizei, Polizei“ brüllen die Männer. Mit Maschinenpistolen im Anschlag verteilen sich die Beamten des Spezialeinsatzkommandos in der 200-Quadratmeter-Etage der Ku’damm-Seitenstraße. Als die Rammstöße das Haus erzittern lassen, glaubt Frau E. schlaftrunken, dass gerade der Dachstuhl einstürzt. Als die SEK-Polizisten mit der Waffe vor der Schlafcouch von Frau E. stehen, denkt sie erst mal gar nichts mehr. Bis ihr einfällt, dass sie nackt ist, da möchte sie einen Bademantel. Doch sie bekommt nur ein Stück Papier, „Beschluss“, steht da groß drauf, ausgefertigt vom Amtsgericht Tiergarten, Richter Ziegler. Es berechtigt die Beamten zur Durchsuchung der Wohnung. Sie suchen, das steht auch in dem Beschluss, eine „schwarze, ziemlich große Pistole“. Die soll angeblich ihrem Bekannten gehören, Herrn T., der zeitgleich zwei Räume weiter im Schlafzimmer aus allen Träumen gerissen wird. Er sei festgenommen, wird ihm erklärt. Danach übernimmt ein zweiter Trupp Polizisten die Durchsuchung der Wohnung.

Ziemlich oberflächlich und schnell, stellt Frau E. fest, nach nicht mal einer Stunde darf sie ein Protokoll unterzeichnen, dass nichts gefunden wurde. Ein Polizist klopft ihr mit einem Hammer noch die gröbsten Beulen aus der Wohnungstür, dass die sich zumindest wieder bewegen lässt. „Eine schöne Wohnung“, loben die Beamten beim Rausgehen. Herrn T. nehmen sie mit.

Um 7.15 Uhr beginnt die Durchsuchung seiner Wohnung in der Schöneberger Akazienstraße. Auch dort wird keine „schwarze, ziemlich große Pistole“ gefunden. Die Kriminalbeamten nehmen Herrn T. noch mit zur Wache. Dort wird er vernommen, dann darf er nach Hause gehen. Mit dem Bus fährt Herr T. zurück in die Giesebrechtstraße. Dort sucht Frau E. immer noch ihre Lieblingskatze, ein Main-Coon-Kater, der über die Dachterrasse geflohen war, als das SEK am Mittwoch früh mit brachialer Gewalt eindrang. Die roséfarbene Tür war beim fünften Rammschlag mit so viel Wucht aufgeflogen, dass die Klinke ein Loch in die Wand dahinter schlug.

Kater „Tigger“ war am Freitag immer noch verschwunden, das betrübt Frau E. am meisten. Die Tür lässt sich ersetzen. Den Rest, die Klärung des morgendlichen Überfalls nämlich, übernimmt ein Anwalt. Fragen hat die Geschäftsfrau viele. „Wieso haben die nicht geklingelt? Ich hätte doch geöffnet.“ Besonders schnell wurde nicht ermittelt, der Durchsuchungsbeschluss für die Akazienstraße ist ein Vierteljahr alt, unterzeichnet am 4. April. Dann ermittelte die Polizei, dass Herr T. sich meist in der Giesebrechtstraße aufhält, also wurde am 5. Juni die Durchsuchung des Dachgeschosses genehmigt.

Justiz-Sprecher Björn Retzlaff teilte gestern lediglich mit, dass es gegen Herrn T. eine Anzeige wegen Bedrohung gegeben habe. Ja, lacht Frau E., die Anzeige sei vom eifersüchtigen Ehemann einer früheren Freundin des Herrn T. „Ich habe niemanden bedroht“, sagt Herr T., „und eine Waffe habe ich auch nicht“. Wegen falscher Verdächtigung hat er Gegenanzeige gestellt. Die Polizei bestätigte, dass Herr T. nicht vorbestraft ist. Doch da die „Gefährdungsanalyse“ des SEK „Anzeichen“ ergeben hatte, dass Herr T. eine Waffe besitzt, sei nicht an der Stahltür geklingelt worden. Deshalb der Rammbock.

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