Berlin : Die Polizei wartet auf die Rückkehr des Schützen

Rolf Seifert schoss im Regierungsviertel einen Beamten nieder. Dann tauchte er unter. Die Ermittler kannten ihn schon, hatten ihn aber als ungefährlich eingestuft

Jörn Hasselmann

Noch keine Spur von Rolf Seifert – aber die Polizei war sich gestern sicher: „Der taucht hier über kurz oder lang wieder auf.“ – „Hier“, das ist der grüne Baucontainer unter der einzelnen Pappel auf einem ungenutzten Brachgelände, 100 Meter vom Kanzleramtspark entfernt. In dem Container hatte es sich der Wohnungslose seit Jahren gemütlich gemacht, viele in diesem Moabiter Kiez kannten den Mann auf seinem Fahrrad. Nun ist Seifert auf der Flucht, nachdem der 62-Jährige, wie berichtet, am Samstagabend einen Kommissar niedergeschossen hat.

Dieses Brachgelände in Moabit, eingerahmt vom Stadtbahnviadukt, der Spree und dem betonumwehrten Park des Kanzleramtes, ist seit vielen Jahren die Heimat von Rolf Seifert. Früher war hier der Güterbahnhof des alten Lehrter Bahnhofs; wem das Grundstück heute gehört, weiß die Polizei nicht.

„Hauptwohnsitz“ von Seifert ist der grüne Container, der gestern stundenlang von der Spurensicherung untersucht wurde. Fast ein Idyll: Ein Vogelhäuschen hängt im Baum, mit frischem Futter drin. Mit Gitterzäunen, Brettern und Planen hat sich Seifert eine Veranda gebaut, dort trocknete gestern noch die Wäsche auf der Leine. Strom hatte der Gesuchte sich von der Baufirma abgezweigt, die hinter dem Restaurant „Paris-Moskau“ ihr Lager hat. Dort durfte sich der gebürtige Thüringer auch waschen, erzählt der Koch vom „Paris-Moskau“, „die Bauleute verstanden sich gut mit ihm“. Direkt neben Seiferts Behausung wird gerade die „Regierungswache“ für Polizei und Feuerwehr gebaut, Eröffnung ist im Sommer.

Durch den Rohbau stöberten auch gestern noch ein Spezialeinsatzkommando und ein großer Trupp Bereitschaftspolizei – in der vagen Hoffnung, weitere Spuren von Rolf Seifert zu finden. Die Kripo ist sicher, dass der Mann ihr in Moabit bald in die Hände läuft, etwa bei seinen Zechkumpanen vom Hansaplatz, oder dass er in einer Wärmestube unterschlüpft. Das Viertel „wird jetzt stark bestreift“, sagte ein Kommissar, den Kollegen vom Abschnitt 34 sei der Mann ohnehin vom Sehen bekannt – aber auch von rabiaten Angriffen. Denn der ansonsten als friedlich geltende Rolf Seifert mochte keine Polizei. „Immer wenn wir was von ihm wollten, hat er uns mit irgendwelchen Gegenständen angegriffen“, sagte ein Beamter dem Tagesspiegel. Noch nie jedoch mit Waffen – deshalb lautete das Ergebnis der Gefährdungsanalyse vor der Festnahme: „Keine Gefahr.“

Wie berichtet, sollte der Wohnungslose am Abend festgenommen werden, da ein Haftbefehl gegen ihn vorlag. Rolf S. war betrunken im Straßenverkehr erwischt worden, vermutlich als er mit seinem alten Damenrad durch Moabit kurvte – denn ein Auto hat er natürlich nicht. Dafür sollte er drei Monate sitzen, meldete sich aber nicht zum Strafantritt. Da die drei Beamten vom Abschnitt 34 gerade Zeit hatten, besuchten sie ihn in seiner Bude. Als sie vor der Containertür standen und sich zu erkennen gaben, schoss Seifert sofort mehrfach, eine Kugel traf einen 33-jährigen Kommissar in den Oberkörper. Dem 62-Jährigen gelang die Flucht, da sich die beiden Polizisten um ihren schwer verletzten Kollegen kümmerten. Nach einer Notoperation geht es ihm den Umständen entsprechend gut, hieß es gestern. Wieso die drei Polizisten die ihnen zur Verfügung stehenden Schutzwesten nicht angelegt hatten, blieb gestern unklar. Eine Vorschrift dazu gibt es nicht. Dass der Einsatz in dem extrem unübersichtlichen Gelände in den Abendstunden erfolgte, sei sicher unglücklich gewesen, hieß es gestern. Was für eine Waffe Seifert benutzte, ist unklar. Da sie nicht gefunden wurde, hat Seifert sie vermutlich noch bei sich.

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