Berlin : Die Präpositionen des Streits

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Zur Politik gehört der Streit. Aber man kann alles übertreiben. Zur Abwechslung könnte ja auch von einer Diskussion, einem Meinungsaustausch, von Vorschlägen und Gegenvorschlägen die Rede sein. Aber nein, wir hören ständig von Streit oder gar von Krieg, von Tarifkrieg etwa, Reformkrieg, Koalitionskrieg und so fort. Bei jeder Meinungsverschiedenheit heißt es gleich: X warf Y vor. Oder: Die Koalition/die Union streitet um… Dabei streiten sie meistens nicht um, sondern über etwas. Doch der feine Unterschied zwischen den Präpositionen über und um wird oft missachtet.

„Wann gedenkt der Senat mit der GEW Verhandlungen um einen Tarifvertrag für Berliner Lehrkräfte aufzunehmen?“, fragte die Abgeordnete Katrin SchultzeBerndt (CDU) im Parlament. Gewiss gibt es Lehrer, die nicht Beamte, sondern Angestellte sind. Für sie geht es um einen Tarifvertrag. Nur müssen die Tarifpartner schon über den Vertrag verhandeln, nicht etwa um denselben. Der Vertrag gehört ja nicht einer Seite allein. Er ist eine Vereinbarung für die Arbeitnehmer.

„In der Debatte um eine Reform des föderalen Systems…“, hörte ich im Rundfunk sagen. Wem bitte gehört die Reform? Alle sind dafür, sie haben sich bloß noch nicht über die Einzelheiten einigen können. Zwar dreht sich die Debatte um die Reform, aber man debattiert über sie. In Schleswig-Holstein haben Heide Simonis und Peter Harry Carstensen um das Amt des Ministerpräsidenten gekämpft. Klar, um das Amt, denn nur einer kann es bekleiden. Nun gab es Gerüchte „um den Abweichler“, der Frau Simonis die entscheidende Stimme versagt hat. Verzeihung, es waren natürlich Gerüchte über diesen Abweichler. Es wird darüber gerätselt, wer es ist und welche Motive der oder die Unbekannte hatte.

Man redet also über jemanden und streitet über oder ringt um die beste Lösung eines Problems. Sportler kämpfen um Medaillen, Politiker um Mandate und Ämter. Manche kämpfen um ihr Recht, andere bloß für ihren eigenen Vorteil. Der feine sprachliche Unterschied ist gar nicht so schwer zu begreifen. Wenn sich zwei um die Wurst zanken, will sie jeder für sich allein besitzen und verzehren. Wenn sie jedoch über die Wurst streiten, dann sind sie geteilter Meinung darüber, wie die Wurst beschaffen sein soll. In Berlin haben wir es also seit vielen Jahren mit Auseinandersetzungen über den Religions- und Werteunterricht zu tun, nicht um dieses Dauerthema, wie häufig zu lesen und zu hören ist.

Ach, vielleicht ist ihnen das Bewusstsein dafür abhanden gekommen, dass sie aus purer Rechthaberei um die Dinge rangeln, statt über die Gestaltung der Politik zu reden. Sie sind aber nicht um ihrer selbst willen tätig, sondern für uns alle.

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