Berlin : Die Preisfrage

Wie viel Luxus verträgt Berlin? Eine Menge, sagt der Präsident von Louis Vuitton und eröffnet einen neuen Laden an der Friedrichstraße

Elisabeth Binder

„Dass Sie das nicht erkennen!“ Yves Carcelle guckt ratlos in sein Champagnerglas. Für ihn ist Berlin eine einzige Vision, eine der glamourösesten Städte Europas, in der man die Energie bei jedem Schritt spürt. Wie kann man da so blöde Fragen stellen, wie die, ob es überhaupt genug Kunden gibt für Luxusgüter in so einer armen Stadt?

Yves Carcelle ist Präsident der hocherfolgreichen LVMH Fashion Group. Und er ist gekommen, um das dritte Louis-Vuitton-Geschäft in Berlin zu eröffnen. Als im Jahr 2002 die gesamte Weltwirtschaft auf dem Zahnfleisch ging, legte sein Konzern beim Gesamtumsatz von 12,6 Milliarden Euro um 3,8 Prozent zu. Das Erfolgsrezept? Das gibt es eigentlich nicht. „Wenn die Zeiten schlecht sind, dann legen die Leute mehr Wert auf wirkliche Qualität, auf zuverlässige Haltbarkeit.“ Er deutet auf eine Tasche mit den berühmten LV-Monogrammen: „Schauen Sie, das Schloss gab es schon 1890. Bei uns kaufen Sie auch den Mythos mit. Auch die Geschichte.“ Luxus sei aber bei den Kunden auch eine Frage von Emotionen. Es gibt Leute, die warten zwei oder drei Jahre, bis sie sich so ein Teil kaufen, aber dann behalten sie es auch für den Rest ihres Lebens.

Als 18-jähriger war Yves Carcelle zum ersten Mal in Berlin. Das war 1966, mitten im kalten Krieg, und er erinnert sich noch gut an das Gefühl des Schocks, als er am Checkpoint Charlie stand. Die geteilte Welt. Die Wunden eines Krieges. Und nun, ganz in der Nähe, Champagner zwischen luxuriösen Taschen und Schuhen.

Der französische Top-Manager ist es allerdings gewohnt, die ganze Welt im Blick zu haben. Und da sieht die Lage nicht so schlecht aus. Da braucht man sich von regionalen Krisen nicht beirren zu lassen. „Als wir 1991 unseren ersten Laden in Peking eröffneten, trugen 80 Prozent der Leute noch Mao-Jacken, und die riesigen Straßen waren völlig leer. Heute gibt es überall Verkehrsstaus und bereits zwei LV-Geschäfte dort, und niemand trägt mehr diese Jacken.“ Indien zum Beispiel. Letztes Jahr hat er ein Geschäft in Neu Delhi eröffnet, dieses Jahr folgt Bombay. „Weltweit wächst die Zahl der Menschen, die sich Luxus leisten können.“

Natürlich wird auch das dritte Geschäft in Berlin ein Erfolg sein, da ist er ganz sicher. „Europa ist stolz auf diese Stadt. Hier ist so viel investiert worden, da darf man doch nicht nur an die nächsten drei Jahre denken.“ Aber auch die nahe Zukunft sieht er optimistisch. „Wir betreiben nur Geschäfte, mit denen wir Geld verdienen“, sagt er selbstbewusst. Beim Geldverdienen gibt es einige Prinzipien, die zum Erfolg offenbar beitragen, obwohl sie in der heutigen Geschäftswelt höchst ungewöhnlich sind. Grundsätzlich gibt es keinen Ausverkauf, keine Rabattaktionen, keine sonstigen Preisnachlässe. „Wenn Sie zufrieden sind, handeln Sie nicht. Ein Preis ist ein Preis.“ Kürzlich ist Yves Carcelle durch ein Outlet Center in Italien gegangen und hat dort Schuhe eines berühmten Designers für 15 Euro gesehen. „Wie fühlen Sie sich denn, wenn Sie kurz zuvor für die gleichen Schuhe 300 Euro bezahlt haben“, fragt er konsterniert. „Bei uns wird Ihnen sowas nicht passieren.“

Yves Carcelle genießt ganz offensichtlich die 150-jährige Tradition, die er bei allem Modebewusstsein in erster Linie repräsentiert, diese Aura von „extremer Kreativität“, die er so gerne hervorhebt. Sein persönlich größter Luxus ist ein Swimmingpool mit Jetstream im Basement seines Hauses in Paris. Er liebt es, dort morgens um halb sechs gegen den Strom zu schwimmen. Große Visionen wollen eben zünftig geweckt werden.

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