Berlin : Die Prinzenrolle

Andreas Conrad

Für ein globales Bewusstsein ist es nie zu früh. Was der www.-Generation recht ist, konnte einem preußischen Prinzen nur billig sein: "Der flusz Nilus überschwemmt das Land Ägypten, undt machets fruchtbar." Eine schön geschwungene Handschrift, man würde dahinter nicht unbedingt einen Neunjährigen erwarten. Zugegeben, kleinere orthographische Lücken sind erkennbar, das sächliche Relativpronomen "das" hat der kleine Friedrich, aus dem später Friedrich I., König in Preußen, werden sollte, irrtümlich mit zweitem S geschrieben. Der korrigierende Strich mag von ihm selbst stammen oder seinem Erzieher.

Der Teufel, sagt man, stecke im Detail. Manchmal steckt gerade dort aber das Besondere, Herausragende, was eine Ausstellung beispielsweise aus einer Flut ähnlich gelagerter Veranstaltungen hebt. Das Preußenjahr neigt sich langsam seinem Ende zu, und das Publikum, unterstellen wir mal vorsichtig, zeigt eine gewisse Sättigung mit historischen Karten, Schriftstücken, Stichen, Uniformen und all dem, was von drei Jahrhunderten Preußen übriggeblieben ist. Von all dem gibt es auch in der unlängst im Märkischen Museum eröffneten Ausstellung "Im Dienste Preußens. Wer erzog Prinzen zu Königen?" genügend zu sehen. Aber manches fällt eben schon themenbedingt aus dem üblichen strengen Rahmen, darunter viel Kurioses, Spaßiges, Rührendes auch, das mit dem offiziellen Staatsbild, das die Regenten von sich verbreitet haben, so gar nicht zusammenpassen will. Zeugnisse ihrer Kindheit eben, als sie von ihren strengen Erziehern schon mit allerlei Reglement auf die späteren Aufgaben vorbereitet wurden; als sie aber trotz allem doch Kind waren, verspielt und anlehnungsbedürftig wie ihre nichtadeligen Kumpane.

"Ich wunsche von hertzen, daßz meine allerliebste Mama baldt wieder hieher komme", liest man etwa in dem eigenhändigen "Execitienbuch" (1666), das auch die Erdkundeweisheit über den "Nilus" enthält. Das Bild eines unbeschwerten Kindheitsidylls will sich dennoch bei keinem der Kronprinzen so recht ergeben. Immer wieder hatten sie sich militärischen Exerzitien zu widmen, wovon etwa eine kolorierte Lithographie von 1726 zeugt: "Friedrich II. wie er in seinem 14ten Jahre Wache steht vor dem Palais seines Vaters". Friedrich Wilhelm III. gab sich dagegen als 16-Jähriger zeichnerisch ausgearbeiteten Überlegungen zur "Disposition zur Verteidigung von Tempelhof" hin, angeleitet durch einen Ausbilder der höheren Artillerie-Offiziere.

Die Ausstellung ist klar gegliedert. Von Kronprinz zu Kronprinz schreitend, kann man die 300 Jahre Preußen noch einmal in ganzer Länge durchmessen. Auf Tafeln werden zwecks Einordnung der Dokumente alle nötigen Daten und Informationen geliefert, auch die jeweiligen Erzieher der Prinzen sind kurz charakterisiert. Das letzte Wort hat wieder ein Kronprinz, aus dem einmal Wilhelm III. hätte werden sollen: "Ich verzichte hiermit ausdrücklich und endgültig auf alle Rechte an der Krone Preußens und an der Kaiserkrone." Unterzeichnet am 1. Dezember 1918.

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