Berlin : Die Psychologie der Play-offs

Die Freezers starten in die Endrunde um die deutsche Eishockey-Meisterschaft und sehen sich nicht als Außenseiter

Ulrich Brüning,Claus Vetter

Von Ulrich Brüning

und Claus Vetter

Wenn die Freezers ein Heimspiel haben, dann sollten Spaziergänger lieber einen großen Bogen um den Hamburger Volkspark machen. Jedenfalls war in den vergangenen Wochen rund um die Color Line Arena viel Volk unterwegs, wenn der Hamburger Eishockey-Klub spielte. Dreizehn Mal hintereinander war die Arena zuletzt bei den Freezers ausverkauft, und nicht nur das: Nicht alle, die rein wollten, kamen auch rein. Beim letzten Heimspiel der Hauptrunde am Freitag gegen Frankfurt etwa wurden am Ende die Tickets im Internet-Auktionshaus Ebay gar für 250 Euro versteigert.

Die Color Line Arena ist mit ihren 13 000 Plätzen zu klein für die Freezers geworden, so scheint es. In seinem zweiten Jahr in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) ist der Zuschauerschnitt bei den Freezers um über 600 Besucher pro Spiel gestiegen. 11 351 Besucher haben durchschnittlich die Spiele gesehen, bereits im ersten Play-off–Spiel werden die Hamburger den 300 000. Besucher der Saison begrüßen können. Heute läuft der Vorverkauf für die ersten beiden Heimspiele der am Mittwoch beginnenden Viertelfinal-Serie an, Andrang an den Kassen ist garantiert. Und dagegen hat bei den Freezers natürlich niemand etwas. Für Verteidiger Patrick Köppchen sollen die Zuschauer in den Play-offs die permanente Überzahlsituation schaffen: „Sie sind unser siebter Mann auf dem Eis, das hat man doch gerade im Heimspiel gegen die Frankfurter wieder gesehen.“

Das 6:4 gegen Frankfurt etwa war, hätte es noch einer Werbeaktion bedurft, die ideale Inszenierung gewesen. Die Freezers hatten energiegeladenes Eishockey geboten und sich zudem äußerst kombinationsfreudig gezeigt. Neben vielen Toren trugen aber auch zum Teil rüde Fouls und Schiedsrichterentscheidungen zur Emotionalisierung des hanseatischen Publikums bei. Für den positiven Ausklang des dramaturgischen Bogens aus Hamburger Sicht hatte dann Wayne Hynes mit dem sechsten Tor gesorgt. Und auf Seiten der Freezers trafen auch die unter der Woche leicht in die Kritik geratenen Andrew Schneider und Mark Greig. So war auch für Geschäftsführer Boris Capla gerade das Freitagsspiel ein Indiz dafür, dass man auf einem sehr guten Weg ist. Allenfalls über Disziplin müsse man vielleicht bis zum Play-off-Start noch reden. Ob die Verletzten Peter Abstreiter und Robert Francz bis dahin spielbereit sind, ist unklar. Auf jeden Fall wird Dave Tomlinson nach seiner Spieldauerstrafe – deswegen fehlte er gestern beim letzten Hamburger Spiel der Hauptrunde in Kassel – dabei sein.

Tomlinson ist, obwohl mit 34 Jahren eigentlich routiniert genug, hinsichtlich der Entscheidungsspiele ziemlich aufgeregt. Seine Vorfreude ist deutlich spürbar. Er lächelt zuversichtlich: „Wir haben ein sehr gutes Team. Alles ist möglich.“ Letztere Aussage ist keine erstaunliche Feststellung, sie charakterisiert aber die Ausgangslage in den diesjährigen Play-offs. So sieht es auch Chris Reynolds. „Die Berliner Eisbären sind Favoriten“, sagt der Sportdirektor der Freezers. Und dann schiebt er ein „aber“ hinterher, denn „eigentlich kann diese Saison jedes der acht Teams Meister werden, so eng war es noch nie.“ In der jüngeren Vergangenheit haben die vermeintlichen Außenseiter in den Play-offs triumphiert: Mit den Kölner Haien und den Krefeld Pinguinen wurden in den vergangenen zwei Spielzeiten Teams Meister, die zum Abschluss der Hauptrunde nur Platz sechs belegt hatten.

Kein Wunder, dass die Hamburger, so sagt es Verteidiger Köppchen, „keine Wunschgegner“ haben. „Entscheidend ist, was bei uns im Kopf passiert.“ Die Psychologie der Play-offs: Köppchen ist sich sicher, dass sein Team „über genügend mentale Stärke“ verfügt. Die Anspannung ist bei den Freezers spürbar. Dass zu dem wirtschaftlicher Druck vorhanden ist, möglichst weit zu kommen und damit hohe Einnahmen aus den Heimspielen zu erzielen, bestreitet Geschäftsführer Boris Capla aber vehement: „Ich bin mit unser Entwicklung sehr zufrieden und sehe keinen Grund, mich für andersartige Berichte zu erklären oder zu rechtfertigen.“

Auch Trainer Dave King hatte am Vorabend der Play-offs Anzeichen nervöser Anspannung offenbart, als er nach dem Heimspiel gegen Frankfurt der Pressekonferenz fernblieb. Kotrainer Mike Schmidt musste ihn vertreten. Und wenn es dann ab Mittwoch weiter wie zuletzt zur Sache geht, wird man es auch nicht nötig haben, die oft als Eventpublikum geschmähte Zuschauerschaft mit Mätzchen auf dem Videowürfel zu unterhalten. Dann wird Play-off-Eishockey allemal reichen.

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