Berlin : Die Puppendoktorin

Rosy Blanke kümmert sich um kleine Patienten – mit Handarbeit und viel Geduld

Sarah Kramer

Es gibt Dinge im Leben, die brauchen irgendwann einmal eine besonders liebevolle Behandlung. Der Stoffhase „Kai-Oliver“ und „Schaf“ gehören zweifelsohne dazu. „Kai-Oliver“, der einst weiß war, mittlerweile aber hellgrau geworden ist, hat schon 31 Jahre auf dem Buckel. Ein Gesicht hat Kai-Oliver schon lange nicht mehr, und vor einigen Monaten ist sein linkes Ohr abgefallen. Ähnlich ist es „Schaf“ ergangen: Das Stofftier mit dem rosaroten Kleidchen hat durch innigste Liebe von Besitzerin Nathalie (5) einige Blessuren davongetragen. Löcher klaffen nun im Beinkleid des geliebten Schlaftiers, Futter quillt aus den Rissen.

Die beiden sind Fälle für Rosy Blanke. In ihrer Puppen & Teddy Klinik an der Uhlandstraße sind „Schaf“ und „Kai-Oliver“ in bester Gesellschaft: In ihrem kleinen Geschäft in Wilmersdorf behandelt die Berlinerin seit 20 Jahren jeden noch so harten Fall. „Am liebsten sind mir die ganz abgeliebten Stücke“, sagt die 65-Jährige. „Wenn ich die wieder hinkriege, ist das Erfolgerlebnis am größten.“ Rosy Blanke weiß, wie sehr ihre Kunden an ihren Teddys und Stofftieren hängen. Das zeigt sich besonders, wenn sie ihre Patienten bei ihr abgeben: „Viele haben Tränen in den Augen“, sagt die Doktorin. „Besonders Erwachsene geben ihre Lieblinge nur ungern aus der Hand.“

Auch Nathalie fällt der Abschied von „Schaf“ schwer – aber nur ein kleines bisschen. Zu viel schöne andere Knuddelsachen gibt es beim Puppendoktor zu sehen. In den Holzregalen und Schränken drängen sich hunderte Teddys mit Kulleraugen, flauschige Stoffpferdchen, Puppen mit Rüschenkleidern, Holzkinderwagen, eine Minipuppenstube und sogar eine alte Holzkuh auf Rädern.

Jeder Patient in der Teddyklinik hat seine eigene Geschichte, sagt Blanke – und die erzählt auch immer etwas über seinen Besitzer. Ein besonders schwerer Fall liegt im Hinterzimmer auf einem der vier „Operationstische“: Es sind die Überreste eines grauen Schäfchens. Ein trauriger Anblick – viel ist nicht mehr dran. „Ein Hund hat es komplett zerfetzt“, sagt die Puppendoktorin. Sie wird die Einzelteile des Stofftiers in aufwändiger Handarbeit mit Nadel und Faden wieder zusammenfügen – das hat sie der Besitzerin versprochen. Das Schäfchen ist ein wertvolles Gut: Es erinnert an ein verstorbenes Kind.

Viele Stoffpatienten, erzählt Rosy Blanke, kämen ähnlich lädiert zu ihr. „Die Besitzer wollen natürlich, dass ich den Urzustand wieder herstelle“, sagt die Puppendoktorin. Das ist oft keine leichte Aufgabe, kann Stunden, manchmal Tage dauern – zumal so manches Stofftier in die Jahre gekommen ist und Ersatzteile kaum noch aufzutreiben sind. Die Preise für die Reparatur werden deshalb auch individuell ausgehandelt.

Berlinbesucher und Kinder genießen bei Rosy Blanke Vorrang. Teddy „Orsi“ hat eine besonders weite Reise hinter sich: Die Frau seines Besitzers hat ihn aus Hamburg zur Reparatur nach Berlin gebracht. Auch „Schaf“ und Hase „Kai-Oliver“ werden bald wieder hergestellt sein – Schäfchen bekommt ein neues Kleid, Kai-Oliver ein neues Ohr. Und wenn sie abgeholt werden, werden ihre Besitzer wohl wieder ein Leuchten in den Augen haben.

Im Internet:

www.rosys-puppen-teddyklinik.de

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