Berlin : Die pure Welle

Eine neue Armaturengeneration feiert Wasser als Element und Erlebnis

Nora Sobich

Jeden Morgen das gleiche Ritual. Am Wasserhahn wird gedreht, gedrückt, gezogen, mit Fingerspitzengefühl die richtige Temperatur eingestellt. Dass sich in den meisten deutschen Haushalten der so genannte Einhandmischer durchsetzen konnte, liegt wohl am praktischen Vorteil, dass so die andere Hand für die Zahnbürste frei bleibt. Verwegene Lifestyle-Erfindungen sind in Standardbädern nach wie vor die Ausnahme und werden häufig auch von Bauvorschriften stranguliert. Doch ob soziales Wohnungsbaubad, private Wohlfühloase, stresslinderndes Entspannungseldorado oder viktorianisch angehauchtes Vintagebad – die Frage des guten Geschmacks klärt sich zu allererst an der Armatur.

Während im Möbeldesign und Interieur inzwischen wieder Dekor und Ornament zurückgekehrt sind und die Zeit des kühlen Minimalismus erst einmal vorbei zu sein scheint, gilt im Armaturendesign mehr denn je die strenge, sachliche Linie. Selbst kleine Verspieltheiten, wie sie sich der französische Stardesigner Philippe Starck noch Mitte der Neunziger Jahre mit seiner vielfach ausgezeichneten Armaturenlinie „Starck Axor“ bei dem Schwarzwälder Familienunternehmen Hansgrohe erlaubte, sind heute ein kleiner Schwung zu viel. Die antizyklische Vorliebe für den Purismus könnte damit erklärt werden, dass der Anschlusszwang an die öffentlichen Wasserleitungen ein relativ spätes Kind ist und sich in der westlichen Welt auch erst in den fünfziger Jahren flächendeckend durchgesetzt hat. Die zweite klassische Moderne feiert in der Nasszelle erst jetzt ihr Revival.

Den bis heute unangefochtenen Klassiker lieferte der dänische Designer und Architekt Arne Jacobsen vor fast vier Jahrzehnten mit seiner Armaturenlinie „Vola“, einem Entwurf für die dänische Nationalbank in Kopenhagen ( www.vola.de )´. Die absolut reduzierte „Vola“-Serie, deren stabartige Duschbrause so technisch wie ein Mikrofon aussieht, gilt nach wie vor als non plus ultra jedes modernen Designerbads.

Ein anderer Klassiker ist die Anfang der neunziger Jahre vom Büro „Sieger Design“ für den deutschen Armaturenspezialisten Dornbracht in Iserlohn ( www.dornbracht.de ) entworfene Armatur „Tara“. Mit schönsten Fotografien des amerikanischen Irving Penn Schülers Jesse Frohmann wird das schlichte „Tara“-Design in einem gerade erschienenen Bildband in ein chromglänzendes Kunstobjekt verwandelt (Tara. Armatur und Archetypus. Eine Huldigung. Thomas Edelmann, Hrsg., Birkhäuser Verlag. 58 Euro.) Der klassische Kreuzgriff alter Armaturen ist hier auf sein geometrisches Grundmuster reduziert. In Harmonie wird Vergangenes und Modernes vereint.

Auch der italienische Architekt und Stardesigner Antonio Citterio hat auf den Kreuzgriff zurückgegriffen, als er für das design-orientierte Label „Axor“ von Hansgrohe im Frühjahr die Linie „Citterio Axor“ gestaltete ( www.hansgrohe.com ). Das Credo dieser entweder in Chrom oder mit galvanisch aufgebrachter Platinoberfläche gefertigten Armatur könnte statt „Back to the roots“ arkadisch „Zurück zur Quelle“ heißen. „Nicht nur um einen Auf- / Zueffekt, sondern um den Umgang mit einem wahren Lebenselement, dem Wasser nämlich“, sei es Citterio, so jedenfalls heißt es im Katalog, bei der strengen, geradlinigen Gestaltung seiner insgesamt 70 Einzelprodukte umschließenden Armaturenlinie gegangen. Anders als früher zählt heute eben nicht mehr allein die Funktion und pure Zweckerfüllung der Armaturen, sondern vielmehr ihre Tauglichkeit als Mittler für eine sinnliche Inszenierung des täglichen Wasserschöpfens.

Den ungebrochenen Trend zum Minimalismus kann auch Andreas Enslin, Chefdesigner und Leiter des Design Centers des Unternehmens Grohe bestätigen. Während einerseits das Design der Armaturen immer reduzierter werde, so Enslin, werde auf der anderen Seite zunehmend das Wasser selbst gestaltet und mit Strahlen und Effekten wie Fontäne, Geysir oder Kaskade zum Erlebnis inszeniert. Die in diesem Jahr mit dem „red dot award“ ausgezeichnete Grohe-Handbrause „Movario“ ist mit ihren vielen Strahlvarianten bestes Beispiel für den Trend. Der ergonomisch gestaltete Brausenkopf lässt sich um 360 Grad verstellen und zur Seitenbrause mit Massagefunktion umfunktionieren. Auch die zurzeit bei allen Herstellern extrem beliebten, fast desserttellergroßen Brauseköpfe, die den Benutzer das Wasser je nach Laune als zarten oder prasselnden Regenguss erleben lassen, stehen für den neuen Stil-Erlebnis-Mix aus Strenge, Tradition und inszenierter Emotion.

Mit den weißen, federleichten Plastikbrauseköpfen, die einem als Kind noch wie eine Art Telefonhörer mit direkter Verbindung zum lieben Wassergott vorkamen, hat die neue Armaturengeneration in der Tat nichts mehr gemein. Dennoch bleibt die Fortschrittsgläubigkeit im Bad eher verhalten. So finden elektronische Wasserzugänge mit Infrarotsteuerung trotz des Hightech-Charmes bisher wenig Begeisterung. Sie sind zwar auf Autobahnraststätten oder in öffentlich gewerblichen Bereichen schon aus hygienischen Gründen längst Standard, doch in privaten Haushalten wegen unterschwelliger Ängste vor möglichen Wasserfluten die Ausnahme. Die Verbraucher wünschen sich das direkte Gefühl zum Wasserhahn, wollen ihn noch mechanisch bis zum letzten Tropfen zudrehen können, um die Kraft des Elements sozusagen in den Griff zu bekommen.

Dass der Wasserhahn als Zapfsäule der täglichen Wasserversorgung das Gesamtkunstwerk Badezimmer wie kein anderes Detail bestimmt, bestätigen inzwischen auch Marktforschungen. Mit der Auswechslung der Armaturen werden meist gleich noch Badewanne, Waschbecken und Kacheln ausgewechselt. Die Richtung geht für die, die es sich leisten können, vom reinen Funktionsraum weiter zum Erlebnisort. In ihm sollen wir uns nicht nur selbst erleben können, wie es „MEM“ – die neue, „ganzheitliche Badarchitektur“ von Dornbracht – verspricht, sondern auch noch Fitnessfahrrad und Sitzgruppe Platz finden. So wird auch das Bad zunehmend integraler Bestandteil der Wohnung, verschmilzt vor allem mehr und mehr mit dem Schlafzimmer. Das scheint auf den ersten Blick schon wegen der Materialien nicht sonderlich gemütlich, doch wenn nachts mal der Wasserhahn tropft, hat man es wenigstens nicht mehr so weit.

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