Berlin : Die Putztruppe

Die Bahn beklagt zunehmenden Vandalismus in Regionalzügen. Ein Werkstatt-Besuch in Lichtenberg

Marc Neller

Montage sind für die Arbeiter in der Bahn-Regiowerkstatt in Lichtenberg Tage, an denen sie Kofferablagen reparieren. Aufgeschlitzte Sitzpolster auswechseln. Eingeschlagene Leuchtröhren an den Abteildecken austauschen. Montage sind Tage nach Fußballwochenenden. Und Kofferablagen abzureißen, ist eine Spezialität der Hooligans. „Wie die das schaffen, ist mir jedes Mal aufs Neue ein Rätsel. Die Ablagen sind so fest verankert, da braucht man eine Urgewalt“, sagt Werkstatt-Leiter Hans-Jürgen Linkner.

Die Werkstatt in Lichtenberg mit 92 Beschäftigten ist eine von dreien in Berlin und Brandenburg. Die Arbeiter dort beseitigen die Spuren der Hooligans, unter anderem. Sie warten und reparieren – Triebwagen, Reisezugwagen.

112000 Menschen fahren täglich mit den Regionalzügen der Bahn. „Das Verkratzen von Scheiben nimmt zu“, sagt Burkhard Ahlert, Bahnsprecher für die Regionen Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Die Zahlen für Vandalismusschäden insgesamt sind zwar gleich geblieben: 5,5 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Die Kosten für neue Zug-Scheiben und das Entfernen von Graffiti aber sind gestiegen – auf 1,25 Millionen Euro im Jahr 2003. Zum Vergleich: die S-Bahn zahlte dafür vier Millionen Euro. Dort ist das Problem zerkratzter Scheiben auch schon länger bekannt als bei der Regionalbahn.

Was hält Werkstattleiter Linkner von der Schutzfolie für Fenster, die bei der S-Bahn ausprobiert wurde? „Die ist teuer“, sagt Linkner. „Für 250 Euro bekommt man auch ein neues Fenster.“ Und was die Graffiti betrifft, so ist er dazu übergangen, die Reinigungskosten für einen Bahnwaggon in Quadratmeterpreisen anzugeben: „50 bis 150 Euro, Personalkosten inklusive.“ Bahnsprecher Ahlert erklärt: „An Graffiti müssen Spezialisten ran“, Leute die wissen, aus welchen Substanzen die Farben der Sprüher zusammengemischt sind.

Einer jener Spezialisten, die mit stark reizenden Chemikalien Graffiti beseitigen, ist Sven Zirkel, 34. Auch er hat seine Theorien über manche Moden: „In diesem Jahr versetzen Sprayer ihre Farben mit Teer oder Bremsflüssigkeit, damit sie schwerer zu entfernen sind.“ Ein Kollege sagt, er informiere sich in Internet-Foren der Sprayer – damit er wisse, welche Lösungsmittel er bald braucht.

Sven Zirkel bearbeitet einen roten Waggon mit Neutralisierer, der den von Lösungsmitteln aufgeweichten Lack wieder härten soll. Er lösche immer mehr Schriftzüge, immer weniger Bilder. „Früher habe ich schon mal Graffiti weggemacht, die gar nicht schlecht aussahen.“ Burkhard Ahlert kümmert sich nicht um das Aussehen der Graffiti. Er vermisst härtere Strafen. Oft sind die Sprüher oder Zerkratzer jung, es wird Jugendstrafrecht angewendet, die Täter kommen mit Sozialarbeit davon. Die Bahn hätte gern Schadenersatzzahlungen – doch der Bundesgerichtshof betrachtet Graffiti nicht automatisch als Sachschaden.

Und inzwischen, sagt Linkner, sind die Züge nicht einmal in den Werkstatthallen sicher. „Manche Sprayer warten, bis unsere Leute ein Abteil kontrolliert haben – und ,arbeiten‘ ihnen dann hinterher.“

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