Berlin : Die Queen hat schon gratuliert

Geschichte zum Anfassen: Das Haus am Checkpoint Charlie feiert am 14. Juni 40-jähriges Bestehen

Andreas Conrad

Geschichte zum Reinbeißen, wo gibt es das schon, und dann noch wahlweise in Vollmilch oder Edelbitter. Also bitte sehr, die „Checkpoint Charlie Schokolade“, die Tafel zu eins achtzig. Auch das Mousepad dort – „You are leaving the American sector“ – erinnert unentwegt an längst vergangene Zeiten, nicht zu vergessen die zertifizierten Mauerstücke, je nach Größe für 250 bis 3,30 Euro. Letztere sogar versandfertig in eine Postkarte integriert.

So kunterbunt die Schicksale, Schaustücke, Kunstwerke, Fotos und Texte im Haus am Checkpoint Charlie auch durcheinandergewürfelt sind, ein museumspädagogischer Anachronismus, so modern mutet doch der Shop am Ausgang an. Die Souvenierbedürfnisse des Touristen, er stamme aus Hongkong oder Honolulu, werden vollauf befriedigt. Und das ist für das Haus auch gut so, hängt es doch, anders als früher, nicht mehr am Tropf staatlicher Zuschüsse und muss sehen, wie es, nunmehr 40 Jahre alt, sein Überleben sichert.

Die ersten Grußadressen an Rainer Hildebrandt, den langjährigen Vorsitzenden des Trägervereins, sind schon eingetroffen, von Kanzler Schröder etwa und der Queen. Chrustschows Sohn Sergej wird sogar persönlich kommen, wenn am 14. Juni, 11 Uhr, vor dem Mauermuseum dessen Gründung im Juni 1963 gefeiert wird. Das war kurz vor dem zehnten Jahrestag des Aufstands vom 17. Juni, ein Ereignis, das das Leben des inzwischen 88-jährigen Hildebrandt prägte wie kaum ein anderes. Noch in der Nacht des tragischen Frühsommertages hatte er einem amerikanischen Freund geschrieben, er sei „stolz, ein Deutscher zu sein“. Den Durchschlag des Briefes gibt es immer noch, Hildebrandts Frau Alexandra zeigt ihn gerne vor, ist es doch fast so etwas wie eine Gründungsurkunde des Museums.

Das hatte einen Vorläufer in der Bernauer Straße, gegründet im Oktober 1962. Auch das Haus am Checkpoint Charlie hatte sich aus bescheidenen Anfängen entwickelt, nutzte erst die Räume eines ehemaligen Cafés, wuchs immer weiter, ein Prozess, der noch immer nicht abgeschlossen ist. Auch wenn der Status der Gemeinnützigkeit verloren ging, das Finanzgebaren des Vereins in den letzten Jahren manches Stirnrunzeln auslöste und auch die Bundeszentrale für Politische Bildung kein Geld mehr geben mag, so scheinen künftige Erweiterungen doch schon projektiert, auch wenn Alexandra Hildebrandt eine Erklärung des Baulärms, der derzeit im Haus zu hören ist, noch nicht abgeben möchte. Auch ohne öffentliche Mittel: Die Besucher kommen zuverlässig wie gewohnt. 640 000 Besucher pro Jahr, damit bildet das Haus am Checkpoint Charlie mit dem Pergamon- und dem Jüdischen Museum das Spitzenfeld in der Populärität der Berliner Museen. Das Erfolgsgeheimnis? Für Alexandra Hildebrandt liegt es darin, dass nicht tote Gegenstände ausgestellt werden, sondern Schicksale. „Hinter jedem Foto ist ein Mensch.“ Und die Flüchtlinge und ehemals Verfolgten, die ihre Fluchtgefährte zur Verfügung stellten, haben für sie in dem Museum geradezu ein Zuhause gefunden, wohin sie zurückkehren, um die Vergangenheit noch einmal zu betrachten und sie Kindern und Enkeln zu zeigen.

Das Mauermuseum „Haus am Checkpoint Charlie“, Friedrichstraße 43-44 in Kreuzberg, ist täglich zwischen 9 und 22 Uhr geöffnet.

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