Berlin : Die Räuber sind aufgetaucht

Die aus Südosteuropa stammende Schwarzmaulgrundel, die sich von Laich und Jungfischen ernährt, ist bis in die Oder vorgedrungen. Fischereiverbände befürchten die Verdrängung der heimischen Fischarten – zumal sich der Flussbewohner zum Verzehr nicht eignet.

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Gefräßiger Geselle. Diese Schwarzmaulgrundel in einem Aquarium im Nationalparkhaus in Criewen hat ein Fischer in der Oder im Nationalpark Unteres Odertal gefangen. Fachleute befürchten die Verdrängung einheimischer Arten, wie das schon im Rhein der Fall war. Foto: dpa
Gefräßiger Geselle. Diese Schwarzmaulgrundel in einem Aquarium im Nationalparkhaus in Criewen hat ein Fischer in der Oder im...Foto: picture alliance / dpa

Sie wird nur 18 bis 20 Zentimeter groß, sieht eigentlich ziemlich harmlos aus und macht doch Brandenburgs Fischern und Naturschützern ziemliche Sorgen. Nach den ersten Fängen im Frühjahr war man noch unsicher, aber jetzt steht fest: Die räuberische Schwarzmaulgrundel hat die Oder erreicht.

Wobei räuberisch natürlich eine Wertung des Menschen ist, die Schwarzmaulgrundel arbeitet nur ihr genetisches Programm ab und das besteht nun mal darin, den Laich oder die Jungfische anderer Arten zu fressen und selbst – im Gegensatz zu den heimischen Fischen – mehrfach zu laichen. Am Rhein, wo die Grundel schon vor einigen Jahren aufgetaucht ist, hat sie fast alle anderen Fischarten verdrängt, was vor allem Angler beklagen.

Grundeln sind bodenlebende Kleinfischarten, die ursprünglich aus den Flussmündungsgebieten und Küstenregionen des Schwarzen und Kaspischen Meeres stammen, sagt der Fischexperte Michael Tautenhahn. „Die Donau mündet ja bekanntlich ins Schwarze Meer, und über den Rhein-Main-Donau-Kanal haben sie sich hierher vorgekämpft.“ Möglich sei auch, dass Fischlaich oder Jungfische im Ballastwasser von großen Schiffen „mitgereist“ seien.

Tautenhahn ist als stellvertretender Leiter des Nationalparks Unteres Odertal für Gewässer zuständig. Vor kurzem hat ein Berufsfischer dort eine Grundel aus der Oder geholt und sie im Aquarium des Nationalparks in Criewen bei Schwedt abgegeben. Dort will Lars Dettman sie sich in den nächsten Tagen anschauen. Der 45-Jährige ist Geschäftsführer beim Landesfischereiverband Berlin-Brandenburg, der rund 100 Mitglieder hat. Eines davon ist der Anglerverband mit 76 000 Mitgliedern, sagt Dettmann, der das Vordringen der Schwarzmaulgrundel mit Sorge sieht. „Wie der Name schon sagt, sitzt die Grundel dicht am Boden, und in den Brandenburger und Berliner Flüssen mit ihren vielen Steinschüttungen an den Ufern kann sie sich wunderbar verstecken. „Da kommen ihre natürlichen Feinde wie Hechte und Zander gar nicht hin“, sagt Dettmann. „Höchstens mal ein Aal, aber davon haben wir ja auch zu wenig.“

Siedelt sich die Grundel an – und Experten gehen davon aus, dass sie auch schon Spree und Havel erreicht hat –, wird das noch dramatischer. „Wir setzen ja junge, sogenannte Glasaale aus“, sagt Dettmann, „die wären im wahrsten Sinne des Wortes ein gefundenes Fressen für die Grundeln.“

Im Rhein haben sich neben der Schwarzmaul- oder Schwarzmundgrundel inzwischen auch die Marmor- oder Nasengrundel, die Kesslergrundel, Flussgrundel und Nackthalsgrundel angesiedelt. Nicht zuletzt die Angler sind frustriert, weil sie kaum noch andere Fische am Haken haben und mit den kleinen Grundeln nichts anzufangen wissen.

Das ist der Unterschied zu einem anderen Eindringling, der allerdings schon vor rund 100 Jahren aus Asien eingeschleppt wurde: der Chinesischen Wollhandkrabbe. Die wird inzwischen von märkischen Fischern an Restaurants geliefert, und man habe schon darüber nachgedacht, sagt Dettmann, die Tiere zurück nach China zu exportieren, wo sie als teure Delikatesse gelten. „Wilde deutsche Krabben aus der unverschmutzten Elbe“ wurden sogar schon im Internet angeboten – 750 Gramm für 25 Euro. China soll nach Berichten einiger Zeitungen daraufhin die Einfuhr deutscher Krabben verboten haben. „Davon weiß ich nichts“, sagt Lars Dettmann: „Aber der Transport lebender Krabben mit dem Flugzeug nach China widerspricht deutschen Tierschutzbestimmungen.“

Aber es gibt ja auch hierzulande Liebhaber. So bietet beispielsweise Sabine Schulze in der Fischerstube Warnau in Havelberg die Wollhandkrabben an. „Wir wurden von befreundeten Chinesen in das Geheimnis ihrer Zubereitung eingeweiht“, steht auf der Homepage. Grundeln stehen hingegen bislang noch auf keiner Karte.

„Fremdlinge kommen immer mal wieder zu uns“, sagt Matthias Freude, Leiter des brandenburgischen Landesumweltamts. „Meist fügen sie sich gut in die heimische Fauna ein. Ich habe noch Hoffnung, dass sich die Schwarzmaulgrundel hier nicht so dramatisch ausbreitet. Im Gegensatz zum Rhein haben wir in der Oder beispielsweise im Winter Grundeis, das dürfte ihr zu schaffen machen.“

Der Spreewald ist übrigens nicht gefährdet. Da gibt es wenig Steinschüttungen und keine Chance für die Grundel, sich vor ihren natürlichen Fressfeinden zu verstecken.

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