Berlin : Die Rapper von der Turmstraße

Von Moabit in die weite Welt: Die Band „Moabeat“ hat es geschafft, sich die dieselben Produzenten zu angeln wie Justin Timberlake und Missy Elliott

Ulf Lippitz

Hip-Hop brodelt in Berlin. Der Rapper Sido (der mit der Maske) verewigt erfolgreich das Märkische Viertel als kleinkriminelle Zone, Kool Savas schüttelt Reime über die Testeron-Landschaft Kreuzberg. Drogen, Autos, heiße Frauen – alles Ghetto, oder was? Nicht überall. Aus Moabit kommt ein frei von Gangster-Attitüde agierendes Quartett, das schon Aufmerksamkeit jenseits des Atlantiks erregt hat: Moabeat. So nennen sich die Jungs, die ihr Debüt „Dringlichkeit besteht immer“ veröffentlicht und einen Remix für den Branchenprimus The Nerds angefertigt haben. Eine gute Wahl: The Nerds gelten als die erfolgreichsten Produzenten derzeit, sie arbeiten für Britney Spears, Justin Timberlake und Kelis.

In Moabit fängt man Weltläufigkeit nicht so leicht ein. In der Turmstraße gibt es das Kriminalgericht, zwei Gefängnisse befinden sich um die Ecke, drei große Polizeidirektionen, eine schäbige Pizzeria, eine düstere Eckkneipe und ein prolliger Friseur. In dieser glamour-freien Zone wohnen Vincent, Malo, die Brüder Monk und Yasha – vier junge Männer in den Mittzwanzigern, die es nach den Etappen Schulhof-Rapper, Graffiti-Sprayer und Clubgänger zu einem Plattenvertrag bei der kleinen Firma New Noize Recordings geschafft haben. „Moabit ist gut fürs Musikmachen“, sagt Vincent, DJ und maßgeblicher Produzent der Band. Er ist groß, schlaksig, trägt die blonden Locken schulterlang und locker fallende Kleidung. „Man hat nicht das Gefühl, dass auf der Straße alle gleich geil aussehen wollen.“

In der Abgeschiedenheit des Kiezes pflegen Moabeat wenig Kontakt zur viel gerühmten Szene. „Berlin ist so groß, da kann jeder sein eigenes Ding machen“, sagt Vincent, der unter dem Pseudonym DJ Illvibe auch für die Band Seeed arbeitet und mit Rapper Monk in einer Altbauwohnung lebt. Yasha erklärt, dass er derzeit lieber auf House-Parties geht. „Das Publikum in den Hip-Hop-Clubs ist nicht so super interessant“, sagt er. Malo lästert: „Die deutschen Hip-Hopper müssen immer die dicksten Jacken anhaben – vielleicht, weil ihre Schultern nicht so breit sind.“ Er selbst ist schmal, von kleiner Statur, trägt einen zarten Kinnbart und auf Fotos eine dicke Daunenjacke. „Na ja, gepost wird immer“, gibt Monk zu. Das gehöre irgendwie zum Geschäft. „Aber wir übertreiben das, damit jeder mitbekommt, dass wir das nicht so ernst nehmen.“

Früher, da war alles anders. „Vor zehn Jahren haben alle Jungs Guns’n’Roses auf dem Schulhof gehört“, erinnert sich Vincent. Die neuesten Rap-Platten kannten nur die Insider. Ab Mitte der 90er boomte deutscher Sprechgesang, später internationaler Hip-Hop. „Heute ist alles softer geworden“, glaubt Monk. „Es geht nur noch um Clubs, Rumhüpfen, Frauen, Tralala.“ Aber früher, „hey, das war krass“. Nicht zu vergessen: das Sprühen. Bei solch einer Nacht-und-Nebel-Aktion in der damaligen Rap-Hochburg Hamburg lernten sich die Vier 1995 kennen. Malo wohnte an der Elbe, vor ein paar Jahren zog er an die Spree, „weil die Szene in Hamburg zusammenbrach“.

In Berlin gehören Moabeat heute einer aufstrebenden Bewegung an, genießen Aufmerksamkeit bei MTV und touren mit dem Ausnahme-Produzenten Timbaland. Er arbeitete unter anderem für Missy Elliott, Amerikas erfolgreichste Rapperin. „Das ist ein prima Gefühl, mit dem man abends einpennen kann“, sagt Yasha gelassen. Moabeat bleiben bodenständig – trotz hypnotischer Stakkato-Beats, die nach Weltklasse klingen.

Mehr Informationen unter

www.moabeat.biz

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