Berlin : Die Raucher sind am Zug

Der spontane Abschied von der Zigarette ist langfristig oft erfolgreich

Adelheid Müller-Lissner

„Ich rauche gern.“ Der Werbespruch suggeriert, dass Raucher mit sich im Reinen sind. Dass sie rauchen, weil sie rauchen wollen. Tatsächlich erklären zwei Drittel der Zigarettenraucher, sie wollten diese Gewohnheit gern ablegen. Und etwa ein Drittel aller Raucher hat in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal den Versuch gemacht aufzuhören. Sich das Rauchen abzugewöhnen sei ganz leicht, er habe das schon unzählige Male geschafft, hat der Schriftsteller Mark Twain bekanntlich zu Protokoll gegeben.

Jetzt hat der Londoner Gesundheitspsychologe Robert West herausgefunden, dass die Erfolgschancen höher sind, wenn die Absicht sofort in die Tat umgesetzt wird. Für eine Studie, deren Ergebnisse am 27. Januar vom „British Medical Journal“ vorab online publiziert wurden, hat er 918 Raucher, die mindestens einen Versuch gemacht hatten, ihr Laster aufzugeben, und 996 Ex-Raucher darüber befragt, ob ihr letzter Versuch, mit dem Rauchen aufzuhören, langfristig geplant war. Tatsächlich war die Hälfte aller Versuche, mit dem Rauchen aufzuhören, ohne vorhergehende Planung direkt in die Tat umgesetzt worden. Vor allem aber zeigte sich, dass die spontanen Abschiede von der Zigarette größere Erfolgschancen hatten. Von den Versuchen, die fünf Jahre bis sechs Monate vor der Befragung gestartet wurden, hatten 65 Prozent der „ungeplanten“, aber nur 42 Prozent der „geplanten“ mindestens ein halbes Jahr Erfolg gehabt.

Ist es also prinzipiell gut, beim Einstieg in den Ausstieg nicht lange zu fackeln? West ist vorsichtig bei der Interpretation der Zahlen. „Sie beinhalten nicht notwendigerweise, dass es nichts bringt, das Aufhören zu planen“, betont er. Er vermutet eher, dass auch die vermeintlich Kurzentschlossenen den Gedanken ans Aufhören in Wirklichkeit schon lange im Hinterkopf haben.

Das Wissen über die Gesundheitsgefahren, vielleicht aber auch unangenehme Situationen am Arbeitsplatz oder mit dem Partner, die Kleidung, die nach Rauch riecht, und nicht zuletzt die hohen Kosten der Rauchwaren, die durch die Erhöhung der Tabaksteuer noch einmal gestiegen sind: All das ist ihnen latent immer bewusst. Schließlich liest man immer wieder, dass Nichtraucher (und Nicht-mehr-Raucher) eine zehn Jahre längere Lebenserwartung haben als Raucher, und man kann sich leicht ausrechnen, dass man um die 1500 Euro im Jahr spart, wenn man nicht jeden Tag ein Päckchen Zigaretten raucht.

Das Unbehagen, das sich aus all diesen Quellen speist, führt nach Wests Ansicht zu einer „motivationalen Spannung“. Wo sie vorhanden ist, können dann auch banale äußere Anlässe, die akut dazukommen, zum Rauchverzicht führen. So etwa für viele italienische Raucher zu Beginn des letzten Jahres das Rauchverbot in allen öffentlichen Räumen. Der „plötzliche“ Entschluss, jetzt endlich aufzuhören, vollzieht sich dann auf dem Fundament der Spannung, unter der der Raucher schon länger stand. West widerspricht damit der bisher gängigen These, der Ausstieg vollziehe sich meist in erkennbar voneinander abgesetzten „Stadien“ wie „Nachdenken über das Aufhören“, „Planen des Ausstiegs“ und „Festlegen eines Datums“.

Einen motivierenden Anlass, der manchem möglicherweise den letzten „Kick“ zum Aufhören geben könnte, versucht demnächst auch die Aktion „Rauchfrei 2006“ zu schaffen. Zum vierten Mal haben sich das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Weltgesundheitsorganisation zusammengetan, um Jugendliche und Erwachsene zum Rauchstopp zu bewegen – mindestens für einen Monat. Wer sich selbst verpflichtet, vom ersten bis zum 29. Mai dem Rauchen abzuschwören, hat die Chance, 2500 Euro zu gewinnen. Zur Überprüfung des Durchhaltevermögens dienen nicht nur Telefonbefragungen, sondern auch Tests, in denen der Urin frei vom Nikotin-Abbauprodukt Cotinin sein muss. Natürlich hoffen die Organisatoren, dass es nicht bei dem einen Monat bleibt: 32 Prozent der Teilnehmer, die es beim letzten Mal geschafft haben, seien auch zwölf Monate später rauchfrei geblieben.

Über den dauerhaften Erfolg entscheidet Studien zufolge neben der Motivation der Grad der (nicht nur körperlichen, sondern auch psychischen) Abhängigkeit. Als genaueste Hinweise darauf betrachten Psychologen neben der Anzahl der pro Tag gerauchten Zigaretten die Zeit, die nach dem Aufstehen bis zum Anzünden der ersten von ihnen vergeht.

Die „Erste“ ist für viele Raucher so wichtig, weil sie den Nikotin-Level im Gehirn nach der nächtlichen Pause wiederherstellt. Nikotin hat mehrere Effekte, die den Verzicht schwer machen können: Es wirkt auf das Belohnungssystem im Gehirn, indem es innerhalb von Sekunden mehrere Botenstoffe aktiviert, es dämpft bei vielen die Angst und steigert die Leistungsfähigkeit, kurbelt den Stoffwechsel an und hemmt den Appetit. Wenn es Hinweise darauf gibt, dass der Ausstieg besonders schwierig werden könnte, sollte an eine Ersatztherapie mit Nikotinpflastern, -kaugummis oder -spray, an eine Verhaltenstherapie oder an eine Behandlung mit dem Wirkstoff Bupropion gedacht werden. Die Informationen dazu sind leicht zu beschaffen. Jetzt gleich.

Erste Anlaufstelle im Internet:

www.rauchfrei2006.de

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