Berlin : Die Raumgreifenden

Charlotte Frank und Axel Schultes entwarfen das Bundeskanzleramt. Es beschäftigt sie noch heute

Matthias Oloew

Große Entwürfe brauchen viel Platz. Den haben die beiden hier oben zur Genüge. Unterm Dach, im großen Büro am Lützowplatz, schaffen Charlotte Frank (48) und Axel Schultes (64) die Leitlinien für ihre Architektur. Weiter unten sitzen ihre Mitarbeiter, zeichnen an ihren Rechnern oder bauen die Modelle. Doch die Details für den wichtigsten Bau ihrer Karriere planen Frank und Schultes selber – noch immer. Die Details für das Bundeskanzleramt.

Es ist zwar längst fertig, aber es muss immer etwas angepasst werden. Derzeit ist das die Lounge für kleine Pressekonferenzen. Die sieht noch sehr improvisiert aus. Die Kanzlerin und ihre Gäste stehen vor einer mobilen blauen Wand, Scheinwerfer, die hier nicht vorgesehen waren, stehen auf Rollen, um in die richtige Position gebracht zu werden. Und auch die Übersetzerkabinen wirken provisorisch. „Als wir das Amt planten, haben wir die Pressezone im Foyer eher beiläufig entworfen“, erzählt Charlotte Frank. „Die kurzen Statements werden aber immer wichtiger.“ Also soll aus dem Provisorium eine Dauereinrichtung werden.

Das Kanzleramt war nicht der erste Anlass für die Stararchitekten, sich mit dem Spreebogen auseinanderzusetzen. Ausgangspunkt war 1987 ein Entwurf für den Neubau des Deutschen Historischen Museums. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl wollte es Berlin zum 750. Jahrestag des Stadtjubiläums schenken. Geplant war es ziemlich genau dort, wo heute das Kanzleramt steht. Frank und Schultes erdachten eine Gebäudekette, die sich quer über den Spreebogen legen sollte. Doch ihre Idee musste zurückstehen hinter einem Entwurf des Italieners Aldo Rossi. Seine Vision sollte gebaut werden.

Die deutsche Einheit machte einen Strich durch die Rechnung, das Museum zog ins Zeughaus Unter den Linden. Und schon bald gab es wieder einen Architektenwettbewerb – diesmal war ein Rahmenplan für den Sitz von Parlament und Regierung im Spreebogen gefragt. Frank und Schultes entwickelten dafür ihre Idee einer Gebäudereihe weiter und verlängerten sie über die Spreeufer nach Osten und Westen. Ihr Zeichen für den Zusammenhalt der Stadt und der Republik überzeugte die Jury, das Duo gewann den städtebaulichen Wettbewerb, das viel diskutierte „Band des Bundes“ war geboren.

Die Entscheidung bedeutete nicht automatisch, dass Frank und Schultes die Gebäude auch hätten entwerfen dürfen. Für das Bundeskanzleramt zum Beispiel mussten sie, die 1994 zusammen mit Christoph Witt ein eigenes Büro gründeten, sich noch einmal einem Wettbewerb stellen. Und auch den konnten sie für sich entscheiden. Bei den anderen Bauten im Spreebogen – dem Paul-Löbe- und dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus – ließen sie anderen den Vortritt. „Wir dachten, wir können nicht alle Wettbewerbe gewinnen, und wollten uns lieber auf das wichtigste Bauwerk konzentrieren“, sagt Schultes. Die Strategie zahlte sich aus, der Entwurf der Regierungszentrale stammt allein von ihnen.

Mittelpunkt des Baus ist der internationale Konferenzsaal. Den würden Charlotte Frank und Axel Schultes, müssten sie noch einmal ein Kanzleramt entwerfen, nicht wieder so positionieren. „Wenn wir gewusst hätten, dass der Saal so wenig im Fokus des täglichen Geschäfts steht, hätten wir ihn woanders eingeplant“, sagt Schultes. Der Saal beansprucht ein Stück vom Eingangsfoyer, nimmt ihm etwas von seiner Großzügigkeit.

Eine Kleinigkeit im Vergleich zum wirklichen Ärgernis für die beiden. Das nämlich liegt draußen vor der Tür. Weil der Bund auf die „Bundesforum“ genannte „stadträumliche Skulptur“, einen Treffpunkt für Bürger zwischen Löbe-Haus und Kanzleramt, verzichtet hat, steht Angela Merkels Amtssitz als übermächtiger Solitär da. Die Position als einziges frei stehendes Gebäude im Spreebogen hatten Schultes und Frank nämlich allein für den Reichstag vorgesehen. Sie wollten die herausragende Position des Parlaments auch architektonisch betonen. Daraus wird wohl in absehbarer Zeit nichts. Matthias Oloew

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