Berlin : Die Raupensauger

Bäume in Berlin und Brandenburg sind besonders stark vom Eichenprozessionsspinner befallen – Baumpfleger arbeiten derzeit rund um die Uhr.

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Berlin/Potsdam – Wenn Ronny Leppin und Wojtek Bydelek bei der Arbeit sind, machen die Menschen einen Bogen um sie. Die beiden sehen aus, als hätte es gerade einen Chemie-Unfall gegeben. Sie stecken in weißen Schutzanzügen, darüber eine Haube mit Fenster zum Durchschauen, daran befestigt ein Schlauch, der zum Atemschutzgerät auf den Rücken führt. Die Unterarme stecken in dicken Handschuhen. Doch die beiden Baumpfleger schützen sich keineswegs vor Chemie, sondern vor kleinen Raupen, wenige Zentimeter lang und mit feinen Härchen übersät: die Eichenprozessionsspinner. Die unscheinbaren Tierchen sind gefährlicher, als auf den ersten Blick erkennbar. Die Härchen enthalten Eiweiße, die beim Menschen schmerzhafte Ausschläge, Augenreizungen und Atemwegsbeschwerden auslösen. In diesem Jahr ist der Befall größer denn je. Besonders die Randbezirke Berlins sind betroffen, Brandenburg gehört zu den am schlimmsten betroffenen Bundesländern. Die Senatsverwaltung Potsdam teilte am Mittwoch mit, die Eichen in Potsdam seien so stark wie noch nie vom Eichenprozessionsspinner befallen – etwa doppelt so viele Bäume wie im vergangenen Jahr seien betroffen.

Besonders in trockenen Jahren vermehren sich die Eichenprozessionsspinner massenhaft. Sie bleiben bis zu fünf Jahre lang giftig, von Mai bis September ist die Gefahr akut. „Bei uns gehen ständig Meldungen ein“, sagt Barbara Primus-Gyocsi vom Landschaftsplanungsamt in Treptow-Köpenick. Die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit und Stadtentwicklung hatte die Bürger aufgefordert, den Befall von Eichen bei den bezirklichen Gesundheits- oder Grünflächenämtern zu melden. Seither sei noch mehr los, sagt Primus-Gyosci. Insbesondere besorgte Eltern und Erzieherinnen aus Kindertagesstätten fragten, wie sie sich beim Auftreten des Eichenprozessionsspinners verhalten sollen. Nach einer Begutachtung wird entschieden, ob der Grundstückseigentümer eine Baumpflege-Firma beauftragen muss – auf eigene Kosten. Dann kommen Ronny Leppin und Wojtek Bydelek ins Spiel.

Seit drei Wochen sind sie ständig unterwegs. Leppin, 36, und Bydelek, 51, arbeiten für die Spandauer Baumpflegefirma „Kusche & Partner“, die für das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf und für Privatpersonen die Nester entfernt. Dafür verwenden sie kräftige Staubsauger, die so groß sind wie eine Minibar und auch zur Asbestreinigung eingesetzt werden. Für Spezialausrüstung und Risiko erhöht sich ihr Stundensatz um fast 50 Prozent.

Es ist eine Sisyphusarbeit, denn häufig kehren die Raupen zurück. Die Bezirke konzentrieren sich auf Kinderspielplätze und Bäume in deren unmittelbarer Nähe, erklärt Barbara Primus-Gyocsi. Im Zehlendorfer „Zentrum am Kleeblatt“, einer Einrichtung für Krippen-, Kita- und Hortkinder, hatten Ärzte bei mehreren Kindern die sogenannte Raupendermatitis bestätigt. Am Dienstag wurde dort gesaugt.

In der Wuhlheide allerdings sei die Lage momentan aussichtslos, sagt Primus-Gyocsi: Sie sei komplett befallen. Das ist besonders brisant, da sich dort ein Freibad und diverse Kindereinrichtungen befinden. Doch hier ist eine komplette Schädlingsbekämpfung weder organisatorisch noch finanziell zu bewältigen. Berlin müsse sich überlegen, wie man zukünftig mit der Plage umgeht sowie in welchem Entwicklungsstadium und in welcher Form man gegen die Eichenprozessionsspinner vorgeht, sagt Primus-Gyocsi.

Die Baumpfleger sind sich einig, dass am besten prophylaktisch vorgegangen werden sollte, durch Spritzen. „Die Bäume, die wir gespritzt haben, sind eindeutig frei von Eichenprozessionsspinnern“, sagt Thorsten Dremel, Berliner Leiter der Firma „Kusche & Partner“. Verwendet wird dafür ein Mittel, das weder für Menschen noch für Tiere oder Pflanzen schädlich ist. Dennoch empfiehlt der Naturschutzbund Deutschland, nicht großflächig zu spritzen, da nicht ausgeschlossen werden könne, dass andere Organismen darunter leiden.

Sind die Tiere erst einmal da, müssen die Baumpfleger zu anderen Methoden greifen. Leppin und Bydelek sind seit den frühen Morgenstunden unterwegs: Um sieben waren sie bei einer Grundstücksbesitzerin in Zehlendorf. Drei Stunden brauchten sie, um ihre 300 Jahre alte Eiche von den vielen Nestern zu befreien. Nun sind die Baumpfleger in der Dreilindenstraße in Nikolassee. Das Bezirksamt hat sie beauftragt, hier 33 Eichen zu reinigen. In den vergangenen drei Stunden haben sie gerade mal vier Bäume geschafft. Bydelek hält einen Müllsack in die Luft, etwa drei Kilo, die bisherige Bilanz. Die Nester werden in feste Tüten eingesaugt und in einer Verwertungsanlage im brandenburgischen Zossen verbrannt.

Wenn man nichts unternimmt, werden die Nester immer größer. In Spandau hatte man in Absprache mit der Bundesstraßenverwaltung die Bäume entlang der Potsdamer Chaussee mit einem Schädlingsbekämpfungsmittel besprüht, erklärt Patrick Sellerie, Sprecher von Baustadtrat Carsten Röding (CDU). Das war notwendig, da der Radweg dort nahezu komplett unter Eichen verläuft. Der direkt in einem Eichenwald gelegene Räuberspielplatz am Kladower Runeberg musste bis zur Beseitigung der Nester einige Tage gesperrt werden. Die in Spandau tätigen Firmen täten ihr Bestes, sagt Sellerie.

Ronny Leppin schraubt die Hebebühne seines Transporters per Knopfdruck in die Höhe: Er möchte nach ganz oben in die Baumkrone, dort hat er ein Nest entdeckt. Man erkennt ein Nest oft an den silbrig schimmernden Fäden, die die Raupen am Baum entlangziehen. „Das sieht aus wie Engelshaar am Weihnachtsbaum“, sagt Leppin. Wenn er die Bühne bis vor das Nest gefahren hat, legt er den Sauger an, bricht die zähe Haut des Nestes vorsichtig auf. Darunter wimmelt es vor Raupen, die Leppin Stück für Stück einsaugt.

Die beiden Baumpfleger sind bisher von der Raupendermatitis verschont geblieben. Neuköllner Schüler hatten im vorigen Jahr weniger Glück: Sie spielten in der Pause mit einem Nest Fußball – mehr als hundert Schüler bekamen Ausschlag.

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