Berlin : Die Rechnung mit der Sonne machen

Schon jetzt rücken die Wirte alles Sitzbare nach draußen. Der Senat will das Genehmigungsverfahren erleichtern

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Geplant war ein Museumsbesuch – aber der wurde kurzerhand gestrichen. Jetzt sitzt Katrin Neuwerk mit ihren beiden Töchtern in einem Café an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg. Ihr Gesicht hat die Touristin aus Nürnberg in die Sonne gedreht. „Es ist wirklich erstaunlich, wie sich Berlin mit den ersten Sonnenstrahlen verändert“, sagt die 36Jährige, „hier stellen die Wirte überall einfach ihre Stühle auf den Gehweg, das finde ich supergemütlich.“

Nicht nur in Prenzlauer Berg, überall in der Stadt holen bei bis zu 18 Grad Celsius Wirte und Imbissbesitzer alle verfügbaren Tische und Sitzgelegenheiten heraus. Der leichte Sommerwind riecht in vielen Straßen nach Gegrilltem – die Berliner essen und trinken wieder draußen.

Die Bedeutung der Straßencafés für die Großstädter hat auch der Senat erkannt. Wirtschaftssenator Harald Wolf plant, noch in diesem Sommer die Genehmigungsverfahren für die Bewirtung im Freien weiter zu vereinfachen.

Aber auch nach geltenden Regelungen ist es den Wirten zumeist erlaubt, ihre Tische und Stühle auch auf den Gehwegen aufzustellen. Lediglich der Verkehr darf nicht beeinträchtigt werden, denn Behinderte müssen mit ihren Rollstühlen bequem vorbeikommen. Auch Mütter mit Zwillingskinderwagen müssen freie Fahrt haben – ohne auf die Straße ausweichen zu müssen. „Versagt wird eine solche Genehmigung fast nie“, sagt der Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes Mitte, Harald Büttner. In seinem Bezirk müssen sich Restaurants – etwa Unter den Linden – allerdings zusätzlich noch farblich und in der Art der Stühle miteinander abstimmen. So wie die Gäste freuen sich übrigens auch die Bezirke, wenn Essen und Getränke auch draußen angeboten werden. Denn die Kneipen zahlen für solche Sondererlaubnisse zum Teil mehrere hundert Euro. Allein in Mitte kommen so „zig zehntausende Euro“ zusammen, so Büttner.

Etwas weniger sind es in Friedrichshain-Kreuzberg. Hier hat Baustadtrat Franz Schulz in einem Pilotprojekt die Vereinfachungsvorschläge von Wirtschaftssenator Harald Wolf bereits umgesetzt. In den Straßenzügen Frankfurter Allee, Warschauer Straße, Bergmannstraße und Karl-Marx-Allee braucht man für eine Bewirtung im Freien keine Erlaubnis mehr, sondern muss diese nur noch beim Bezirksamt anmelden – eine Verwaltungsgebühr entfällt. „Wir wollten den krisengeschüttelten Wirten entgegenkommen“, sagt Schulz. Auf Gebühreneinnahmen von 30 000 Euro muss er jetzt verzichten. „Ob es den Wirten hilft, werden wir erst am Ende des Jahres sehen“, sagt er. Ärger droht ihm von anderer Seite. Seit Jahren beschweren sich die Anwohner der Simon-Dach-Straße über Kneipenlärm. Um 22 Uhr ist hier Schluss. Aber auch in diesem Jahr haben bereits zwei Dutzend Gaststätten Anträge auf längere Öffnungszeiten im Freien gestellt. „Wir werden hier bei jedem Einzelnen den Lärmpegel messen“, so Schulz. jule

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