Berlin : Die reine Sünde

Boxen so teuer wie ein Mittelklasseauto: Mit ihren luxuriösen Musikanlagen trotzen zwei kleine Firmen aus Berlin-Brandenburg der Konkurrenz

Bernd Matthies

Der Klotz sieht aus wie ein Gegengewicht für einen Baukran, grau, massiv, betonartig. Piekt man mit dem Finger hinein, gibt er allerdings knirschend nach: Styropor. Eine Designstudie für einen neuen Lautsprecher. Ja, sagt Wolfgang Meletzky, der Chef , „wir überlegen schon, ob wir mal was aus Leichtbeton machen“. Bislang sind die Boxen der Berliner Firma MBL aber durchweg aus Holz – und sie sehen überwiegend dennoch ganz anders aus als die unzähligen Produkte der Konkurrenz auf der Funkausstellung. Die eiförmigen, nach allen Seiten abstrahlenden Biegewellenlautsprecher, so kompliziert, dass sie nie kopiert wurden, haben MBL unter Kennern in der ganzen Welt bekannt gemacht.

Heute gehört die Firma zur kleinen Gruppe der Top-Marken, die kontinuierlich erfolgreich sind, weil sie sich von jeder nationalen Konjunkturschwankung abkoppeln konnten. Kaum zu glauben: „Wir haben drei Jahre auf dem deutschen Markt keine Werbung gemacht“, sagt Meletzky, „sonst wären die Wartelisten noch länger geworden.“ Etwa 60 Paar seiner besten Lautsprecher – Paarpreis um 32000 Euro – werden pro Jahr verkauft, doch das ist nur die Spitze der MBL-Elektronikpyramide, die nach unten bis zu konventionell konstruierten Lautsprechern um die 3000 Euro reicht, eine Preisgruppe, in der auch das Angebot der CD-Spieler, Verstärker und Wandler der Firma beginnt. Inzwischen ist Besserung in Sicht, denn nun ist das Geld da, um die Fertigungsräume in Eberswalde zu erweitern; Grund genug, auch auf der IFA präsent zu bleiben. Die besuchten in den ersten drei Tagen übrigens schon 150 000 Menschen – bei der vorigen Messe im Jahr 2001 waren es 109 000.

Bei der nächsten ist Meletzky womöglich nicht mehr dabei. Seine Rechnung ist einfach: Von einem Jahr aufs andere ist die Standmiete um 30 Prozent gestiegen, und das bei kleinerer Fläche, kürzerer Ausstellungsdauer und reduziertem Service, „wir müssen uns um jede Kleinigkeit selbst kümmern“. Seine Kritik an der Messe: Sie orientiere sich ausschließlich an den Besucherzahlen und unterstütze deshalb beispielsweise fragwürdige Attraktionen wie die „teuerste Anlage der Welt“, die zudem praktisch kein einziges deutsches Produkt enthalte. Während dort die Besucher lange auf eine Kurzvorführung unter akustisch schwierigen Bedingungen warten, setzt MBL auf ausgefeilte Präsentation in einem separaten Raum im ICC. „Surround mit zwei Kanälen“ ist die Spezialität der Firma: Da die Lautsprecher in alle Richtungen strahlen, ist der Raumeffekt vergleichbar mit jenem, den die Konkurrenz erst mit fünf oder mehr Boxen erreicht. Aus Birmingham, Alabama, ist Christopher Bazuaye, der Chef einer PR-Agentur, angereist, er hat eigene CDs mitgebracht und lauscht konzentriert auf die Vokalartistik von Rachelle Ferrell. „Ich habe alles gehört, was es gibt auf der Welt“, sagt er grinsend, „aber es geht nichts über diese Lautsprecher hier.“

Ähnliches sagen viele Fans über die Geräte von Dieter Burmester, dem vermutlich noch bekannteren Berliner High-End-Hersteller. Er ist ein anderer Typ als der zurückhaltende Meletzky, ein Hansdampf in allen Sound-Gassen, der das Unternehmen ganz auf seine Person zugeschnitten hat; am Messestand laufen Filme, die über ihn gedreht wurden. Da sitzt er mit einer Gitarre im Arm auf dem Balkon und philosophiert über sein Unternehmen. Die Firma gehört ebenfalls zu den wenigen, die ohne Konzernbindung weltweit agieren und ein nahezu komplettes Sortiment anbieten. Und die Konkurrenz wird kleiner: Die US-Edel-Schmiede Mark Levinson, bisher als Teil der Harman-Gruppe schärfste Konkurrenz, hat die eigene Fertigung eingestellt und existiert nur noch als Marke weiter, „das ist“, meint Burmester, „für uns natürlich göttlich.“

Er setzt stärker als der puristische Meletzky auf Film und Surround, und er hat auf diesem ungewohnten Terrain Lehrgeld zahlen müssen: Der komplexe Soundprozessor hätte eigentlich schon vor zwei Jahren fertig sein sollen, doch die Entwicklung der Software zog sich unerwartet in die Länge. Nun ist alles gut, findet Burmester. Bester Beweis: die Dolby Laboratories, auf deren Lizenzen die Surround-Technik überwiegend beruht, haben sein Gerät gleich behalten und als Welt-Referenz klassifiziert. Hören kann man das auf der IFA nicht: Burmester hat dort zwar all seine Geräte aufgebaut, aber nur zum Ansehen. Interessenten werden ins Schöneberger Firmengebäude eingeladen und können sich dort in aller Ruhe anhören, was im Messetrubel unterginge. Auch Dieter Burmester, so scheint es, könnte ohne die IFA auskommen.

Stände in Halle 10.1 (MBL) und 11.1 (Burmester)

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