Berlin : Die Reinickendorfer Institution verwahrt die Originaldaten von 18 Millionen Soldaten

Robert Ide

"Ich bin ein totaler Pazifist", sagt Urs Veit. Wenn dieser Satz fällt, sieht er meist in erstaunte Gesichter. Denn der 54-Jährige ist Leiter der Deutschen Dienststelle für die "Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht" (WASt). Die Behörde in Reinickendorf verwaltet seit 60 Jahren die Originalunterlagen von 18 Millionen Wehrmachtssoldaten. Sie gilt als der letzte Anlaufpunkt, in der Angehörige etwas über vermisste Verwandten und Freunde erfahren können.

Die Zentralkartei am Eichborndamm ist auf zwei riesige Räume verteilt, die voller Regale mit bräunlichen Karten stehen. Doch hinter jedem vergilbten Zettel steckt ein Schicksal. Zum Beispiel die Geschichte von Fritz Haseloff. Der Kanonier versuchte im Frühjahr 1943 von seinem Artillerieregiment wegzulaufen, das in der Nähe der russischen Stadt Taganrog stationiert war. Die Flucht misslang. Am 3. April 1943 um 8.05 Uhr wurde der 21-Jährige erschossen. "Lt. Urteil (Fahnenflucht)" meldete das Gericht der 111. Infanteriedivision am 13. April an die Wehrmachtsauskunftstelle. Die Karte liegt heute noch dort. Mit rotem Kugelschreiber hatte ein Sachbearbeiter darauf notiert: "Aus der Wehrmacht entfernt." Seit dem 26. August 1939 gingen in Berlin täglich Hunderte solcher Meldungen ein. An diesem Tag hatte die Wehrmachtsauskunftsstelle ihre reguläre Arbeit aufgenommen - wenige Stunden vor dem Überfall Deutschlands auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Basis ihrer Arbeit war das 1929 abgeschlossene Genfer Abkommen über die Behandlung von Kriegsgefangenen. Es schrieb eine nationale Auskunftsstelle für die Soldaten vor. Deren Aufgaben lagen neben der Information über ausländische Kriegsgefangene vor allem in der Erfassung von Verlusten der Wehrmacht. Auch Beförderungen von Soldaten oder Truppenverlegungen wurden gemeldet.

Je länger der Krieg dauerte, um so trauriger wurden die Mitteilungen. In den letzten Jahren gingen nur noch Meldungen von Verwundungen, Erkrankungen sowie "Sterbefällen" und "Vermisstfällen" ein. Nach Kriegsende wurde das Archiv unentbehrlich. Verwandte und Freunde vermisster Soldaten erbaten Auskunft. Zahlreiche Gesetze zur Kriegsgefangenenentschädigung, Opferfürsorge und zur Hinterbliebenenrente bescherten der Behörde eine Flut von Anträgen. Noch heute bearbeitet die Dienststelle jährlich 600 000 Anträge, die mit den Kriegsfolgen in Zusammenhang stehen. 490 Mitarbeiter wälzen die Akten ehemaliger Soldaten, um Vermisstenmeldungen nachzugehen. "Wir können jeden Monat Tausenden Menschen helfen", sagt Urs Veit. Besonders ergiebig sprudeln die Informationen aus Osteuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Mit diesen Ländern gibt es seit 1992 eine Zusammenarbeit. Durch einen Datenaustausch mit lokalen Archiven wurde es möglich, 114 000 Gräber in den GUS-Staaten ausfindig zu machen. In Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge sollen nun die anonymen Kreuze mit Namen versehen werden. Die Angehörigen erlangen Gewissheit über die letzte Ruhestätte der Soldaten.

Wie wichtig solche Informationen sind, erfuhr Veit in der eigenen Familie. So konnte das Schicksal eines Onkels geklärt werden. Als Veit seiner Mutter berichtete, dass dieser in Russland getötet und dort beerdigt wurde, war sie verzweifelt - und erleichtert: Die Ungewissheit hatte ein Ende.Heute ist von 13 bis 16 Uhr Tag der offenen Tür am Eichborndamm 179.

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