Berlin : Die Religion vom Vitamin

Der Supermarkt in diesem Sommer: Wasser, das beruhigt, Joghurt, das das Cholesterin senkt, Brot, das vor Infarkten schützt. Sind Lebensmittel mit Zusatzfunktion nicht mehr als „gedüngte Nahrung“? Oder halten sie ihre Heils-Versprechen?

Jeannette Krauth

Ein Griff ins Regal oben links bringt Entspannung, die Flüssigkeit ist rosa. Etwas weiter rechts steht das Zeug, das aktiver machen soll. Das ist grün gefärbt. In der Truhe dahinter liegen Päckchen, deren Inhalt die Verdauung gesund halten.

Das hier ist nicht das Schlaraffenland für Pillensüchtige, nicht die Kühlkammer im Raumschiff Enterprise, auch keine Apotheke. Es ist ein ganz normaler Supermarkt in Berlin, im Juli 2005, nachmittags um fünf. Hier gibt es Wasser, das – mit Aloe Vera oder Johanniskraut versetzt – für Wohlbefinden sorgen soll; Säfte mit extra Kalzium; Babybrei, in dem sieben Vitamin- und Mineralienzusätze stecken; eine Margarine, der Phytosterol, ein so genannter sekundärer Pflanzenstoff, zugesetzt ist, um den Cholesterinspiegel zu senken. Das scheint übrigens ein Lieblingsanliegen der Kunden zu sein, das natürlich befriedigt werden soll: das Allerneueste – seit dem 14. Juni steht ein Joghurtdrink im Kühlregal, der ebenfalls den Cholesterinspiegel senken will; „in über 40 Ernährungsstudien belegt“ steht auf der Packung.

Lebensmittel, die nicht nur satt, sondern zusätzlich auch wacher, gesünder, fitter oder dünner machen sollen, Lebensmittel mit Zusatzfunktion also – so genannte „funktionelle Lebensmittel“, englisch „functional food“ – nehmen immer mehr Platz ein im Supermarktregal. Das Brot zum Beispiel, das mit Omega-3-Fettsäuren angereichert wurde. Die findet man normalerweise in Fisch. Komische Idee?

Grundsätzlich sei es „gar nicht falsch“, Brot mit Omega-3-Fettsäuren anzureichern, sagt der Ernährungsmediziner Rolf Großklaus, der am Bundesinstitut für Risikobewertung Lebensmittel auf die Gefährlichkeit neuer Inhaltsstoffe hin untersucht. „Studien zeigen, dass Eskimos ein weitaus geringeres Herzinfarktrisiko aufweisen – was man auf den reichlichen Verzehr von Fisch, also Omega-3-Fettsäuren, zurückführt.“ In den USA steht auf diesem Brot deshalb: „Vermindert das Risiko von koronaren Herzkrankheiten.“ In Deutschland darf man auf Lebensmitteln nicht mit konkreter Krankheitsprophylaxe werben. Hier darf höchstens draufstehen: „Stärkt die Gefäße.“ Das könnte sich Ende des Jahres allerdings mit einer EU-Verordnung ändern. Man erwartet, dass solche „health claims“ – so heißen gesundheitsbezogene Werbesprüche – in der EU erlaubt werden, vorausgesetzt, sie sind wissenschaftlich belegt.

Das dürfte die Berliner Mikrobiologin Christine Lang freuen. Sie forscht für die Firma OrganoBalance, die aus dem Institut für Biotechnologie der TU hervorgegangen ist, an einem Bakterium, das die Darmwand vor Krebs schützen soll; man könnte es zum Beispiel in Joghurts einbauen. Ein anderes Projekt: der Kaugummi, der durch Mikroorganismen Paradontose verhindert. Christine Lang sagt: „Bald wird jeder Mensch aufgrund seines genetischen Fingerabdrucks oder Blutbilds wissen, was genau seinem Körper fehlt.“ Dann könnte er sich ganz gezielt ernähren, er wüsste beispielsweise: „Vitamin A hab ich genug, also keinen ACE-Saft heute, aber die Folsäure fehlt noch, deshalb gibt es Pfannkuchen aus dem mit Folsäure angereicherten Mehl.“

Mit Folsäure angereichertes Mehl – das findet auch Rolf Großklaus sinnvoll. Für Schwangere beispielsweise. Er sagt: „Dadurch könnte man die Hälfte der Kinder, die das Risiko tragen, mit einem offenen Rücken geboren zu werden, vor dieser Krankheit bewahren“; das hätten amerikanische Studien gezeigt. In Deutschland kommen 600 bis 800 Kinder jährlich mit offenem Rücken zur Welt.

Den ersten Renner im Geschäft mit der eingebauten Gesundheitsfunktion gab es schon 1995: „Nestlés LC1“-Joghurt, der die Darmflora unterstützen will. Damals war sich der Hersteller noch unsicher, ob Deutschland überhaupt reif war „für ein Produkt, das wie ein Medikament aufgemacht ist“, sagt Nestlé-Sprecherin Elke Schmidt. Aber der deutsche Markt war reif. Pillen und Pulver schluckt niemand gerne, das ist die Lücke, die das „functional food“ gefunden hat: eine speziell auf Gesunderhaltung abzielende Ernährung. Essen macht immerhin mehr Spaß als Pillen kauen. Gesundheit ist das große Ziel des modernen Menschen, der immer älter wird – für den das Alter aber auch zur Qual werden kann, wenn er leiden muss. Also schluckt er vorbeugend Vitamine, Mineralien und Spurenelemente. Weltweit ist der Umsatz mit dem „functional food“ innerhalb von 15 Jahren von fast null auf 50 Milliarden Euro angestiegen. Und die Branche selbst beginnt gerade erst: Zum „Spiegel“ hat Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe vor kurzem gesagt, sein Unternehmen entwickele gerade Produkte für Menschen, die eine Chemotherapie hinter sich hätten, und auch welche für Aidskranke. Das Problem am überbordenden Supermarktangebot: die Dosierung. Viele Ernährungsexperten warnen vor der willkürlichen Zufuhr von Mikronährstoffen, die mitunter abenteuerlich hoch ausfalle. Ganz zu schweigen davon, dass es noch keine Langzeitstudien gebe.

Was den tatsächlichen Effekt von Produkten wie zum Beispiel den probiotischer Joghurts angeht, ist auch der Ernährungsexperte Großklaus eher skeptisch. „90 Prozent der Bevölkerung brauchen keinen Joghurt mit speziellen Kulturen“, sagt er. Er findet ihn unter medizinischen Gesichtspunkten nur dann sinnvoll, wenn nach Antibiotikabehandlungen die Darmflora durcheinander ist sowie für bestimmte Säuglinge. Studien zeigten nämlich durchaus, dass dieser Joghurt das Allergierisiko für kleine Kinder senkt. Nützlich findet Großklaus funktionelle Lebensmittel auch bei Intoleranzen. Etwa, wenn man Milchzucker nicht verträgt, und daher auf mit Kalzium angereicherte Fruchtsäfte oder Sojamilch zurückgreift.

Allzu sorglos sollte der Umgang mit den medikamentenähnlichen Lifestylepräparaten also nicht sein. Jüngstes Beispiel: Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnte Schwangere davor, chininhaltige Getränke zu konsumieren, Bitter Lemon-Produkte zum Beispiel. Chinin wirkt fiebersenkend, ist eigentlich eine Arznei und braucht eine Sondergenehmigung für Lebensmittel. Man hatte beobachtet, dass Babies, deren Mütter regelmäßig chininhaltige Limonade tranken – mindestens einen Liter pro Tag – nach der Geburt nervöse Entzugserscheinungen zeigten. Aus demselben Grund ist „ein Getränk mit Johanniskraut unzulässig“ – und unter Umständen sogar „ein Fall für die Lebensmittelüberwachung“, sagt Rolf Großklaus. Johanniskraut, das beruhigend wirkt, „fällt ebenfalls unter das Arzneimittelgesetz, das darf ohne Genehmigung gar nicht in Lebensmitteln vorkommen. Wir wollen ja nicht die ganze Bundesrepublik antidepressiv behandeln“, sagt Großklaus.

Braucht der Mensch also überhaupt Zusätze, die seine Ernährung gesünder machen? Als einer der schärfsten und populärsten Kritiker gilt der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer, Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften in München. Er meint grundsätzlich: „Funktionelle Lebensmittel braucht niemand.“ Die seien keine Frage der Gesundheit, sondern der Religion. Durch sie suche der Mensch Ablass nach Esssünden. Dass man einem Müsliriegel zusätzlich Spurenelemente und Vitamine zusetzt, dass sei doch wie „Lebensmittel düngen“.

Meinrad Lindschinger, Leiter des Institus für Ernährung und Stoffwechselerkrankungen in Laßnitzhöhe bei Graz, wäre da ganz seiner Meinung. Anfang des Jahres hat er sein Konzept des „Functional Eating“ vorgestellt: Die sieben Säulen gesunder Ernährung in einem Koch- und Aufklärungsbuch („raffiniert.kombiniert“, Verlag Hädecke 2005). Es beruht auf der geschickten Zusammenstellung von Nährstoffen bei gleichzeitig verminderter Energiezufuhr, weil immer mehr Menschen sitzend arbeiten. Die Titel der einzelnen Kapitel zeigen schon, worauf er hinaus will: die natürliche Ernährungsweise selbst ist Arznei genug – ohne den Umweg über extrahierte und dann wieder beigemischte Zusätze. Sie lauten zum Beispiel: „Brain Food für mehr Leistungsfähigkeit“. Oder: „Was uns alt aussehen lässt“. Oder: „Dem Stress ist ein Kraut gewachsen“. Er beklagt, dass die Menschen sich in einer Scheinsicherheit wiegen, wenn sie funktionelle Lebensmittel kaufen, dass sie damit aber nicht wirklich etwas für ihre Gesundheit täten und dass es oft nur Moden seien, denen das Angebot der Zusatznahrung folge.

Dieses Jahr gibt es viele Aloe- und Selen-Produkte, vergangenes Jahr war es das Teebaumöl. Und was kommt nächstes Jahr?

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