Berlin : Die Rennfahrer aus dem Carrera-Keller

Kein Kinderspiel: In Westend treffen sich Männer und Frauen zu Wettfahrten mit Mini-Autos

Ulrike Heitmüller

Vor 40 Jahren war sie der Traum aller kleinen Jungs. Dann geriet sie ein bisschen in Vergessenheit. Aber als die kleinen Jungs groß waren und ihr eigenes Geld verdienten, da war sie wieder da: die Carrera-Bahn.

Freitag, 18 Uhr. Aus dem Keller in Westend dringt Gemurmel und ein hohes gleichmäßiges „Sssit“. 13 mal 5,5 Meter misst der Raum, in dem ein fast ebenso großer Tisch steht. Darunter Kabelsalat, eine Kiste mit Limo, Werkzeugkasten, Staubsauger, Farbeimer. An der Wand zwei Monitore, daneben Lautsprecher. Auf dem Tisch hat Bernhard Kurth, 51, eine Carrera-Bahn für Slot-Cars aufgebaut. Slot-Cars sind spurgeführte Modellautos. Kurth hat 80 Slot-Cars. Auf der Strecke – über 51 Meter lang – sind im Moment vier Autos, darunter Kurths Liebling: ein roter Ferrari. Der rast vorbei an Zuschauertribünen und einer Tankstelle, über Brücken, durch Tunnels und eine Menge Kurven.

Kurth und drei andere Männer stehen lässig am Tisch. Jeder hält einen Handregler in der Rechten. Am Regler ist ein Knopf, je stärker sie darauf drücken, desto schneller fährt das Auto. Slot-Cars sind die 32-mal verkleinerten originalgetreuen Abbilder von Autos. Die Bahn hat vier „Slots“, also Spurrillen. Die Autos haben unten einen Knubbel – „Leitkiel“ – der in der Rille liegt. Die Kiele haben keine Widerhaken, darum fliegen die Autos manchmal aus der Bahn.

Im fünften Stock des Gebäudes befindet sich das Büro von Bernhard Kurths Firma. Als er das Gebäude inspizierte, entdeckte er den Kellerraum. Er erinnerte sich dran, dass er schon als Kind mit Slot-Cars viel Spaß gehabt hatte und baute eine Bahn mit allen Schikanen. „Insgesamt 15 000 Euro“ hat er reingesteckt. Kurth gründete den Racing Club Westend. Der hat inzwischen 20 Mitglieder. Jedes Jahr veranstaltet der RCW sechs Rennen. Es wird trainiert und gebastelt. Norbert Rosenhahn, 36, geht in den Flur. Das ist die Boxengasse. Hier sitzen die Fahrer und friemeln ihre Autos noch ein bisschen schneller. „Wenn das Auto aus der Verpackung kommt, muss man erst mal zwei Stunden dran schrauben“, erklärt Rosenhahn. Er ist früher Rallyes gefahren, mit einem BMW 316. Dann ferngesteuerte Autos. Jetzt Slot-Cars. „Das wurde bei mir immer kleiner.“

Inzwischen ist es 21 Uhr. Nun folgt die Generalprobe für den nächsten Tag, denn ein Rennen steht an: 50 Runden. Mandy Baumung, 25, Angestellte bei der BfA, stellt ihren Mercedes CLK auf Spur 1, Berhard Kurth einen Ford Taurus auf Bahn 2, der bärtige Lars Huerter, 39, Systemadministrator für Unix, seinen Ami-Schlitten auf die 3 und Ralf Hahn, Kaufmann, seinen Taurus auf die 4.

Start. Und „sssit“. Nach ein paar Sekunden hebt Kurths Ford ab. Kurth drückt die „Chaos-Taste“ – die Konkurrenten können nur noch mit halber Geschwindigkeit fahren. Mandys Freund Sebastian Otto, 25, steht vor dem Tisch. Der Rennleiter. Er packt den Ford und setzt ihn wieder auf seine Spur. Weiter geht’s. Nun macht der Mercedes einen Abgang, dann wieder der Ford. Beim Rennen fliegen die Autos locker 100 Mal aus der Spur. In engen Kurven rammen sie sich gegenseitig von der Piste. Je größer die Wagen, desto spektakulärer die Stürze. Als der fette Ami-Schlitten in hohem Bogen von der Brücke stürzt und krachend aufschlägt, machen die Gegner lobend „ohhh!“ und strahlen um die Wette.

Mehr zum Thema im Internet unter

www.slotracing-berlin.com

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