Berlin : Die Rolle der Amerikaner bleibt strittig

Wurde Ernst Reuter ein Flugzeug nach Berlin verweigert? Der Sprecher des damaligen US-Hochkommissars bezweifelt das

Andreas Conrad

Haben die Amerikaner Ernst Reuter am 17. Juni 1953 daran gehindert, aus Wien nach Berlin zurückzukehren? Die Frage ist unter Zeitzeugen und Historikern nach wie vor strittig. Auslöser der Diskussion sind die Erinnerungen von Edzard Reuter, Sohn des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters, an die Erzählungen seines Vaters. Wie berichtet, habe sich Reuter vergeblich bei „amerikanischen Militärstellen“ um Mitnahme in einer Militärmaschine bemüht. Dieser Darstellung hat jetzt der in Berlin lebende Amerikaner Robert H. Lochner widersprochen. Der ehemalige Rias-Direktor, der Kennedy den berühmten Satz „Ich bin ein Berliner“ in den Mund gelegt hatte, war 1953 Leiter der Presseabteilung des US-Hochkommissariats in Bonn. Edzard Reuter übersehe, dass für Anliegen wie die Bitte um eine Militärmaschine längst nicht mehr die alte Militärregierung, sondern Hochkommissar McCloy zuständig gewesen wäre. Ernst Reuter sei dies natürlich bekannt gewesen. Über eine Bitte um ein Flugzeug hätte McCloy selbstverständlich seinen Pressesprecher informiert, aber weil dies nicht der Fall war, habe es wohl keine entsprechende Bitte gegeben, folgert Lochner. „Es kam überhaupt nicht zur Sprache.“ Auch sei Egon Bahrs Darstellung falsch, wonach der damalige Rias-Direktor Ewing verboten habe, die Forderungen einer Delegation Ost-Berliner Arbeiter, die zum Rias gekommen waren, zu senden. Dies habe Ewing nicht zulassen können, er habe aber veranlasst, dass in den Nachrichten über den Besuch berichtet wurde.

Ernst Reuter wird auch in Erinnerungen von Hans Borgelt, damals Pressesprecher der Berlinale, angesprochen: Reuter „saß in Wien fest, und die Alliierten hatten es abgelehnt, ihn mit einem Sonderflugzeug zurückzuholen.“ Helmut Trotnow, Leiter des Alliiertenmuseums, wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass an sich die Kommandantura zuständig gewesen sei. Die Amerikaner, bemüht, mit den beiden anderen Alliierten vor den Sowjets Geschlossenheit zu zeigen, hätten gewiss keine eigene Entscheidung ohne Abstimmung mit Engländern und Franzosen getroffen. Die Kommandantura-Akten von damals seien aber noch nicht einsehbar. Nach Trotnows Darstellung wollten die Amerikaner vermeiden, dass sich die Situation wie in Korea zu einem Krieg hochschaukeln könnte. Sie hatten daher am 17. Juni gar „keinen Handlungsspielraum“, wollten vermeiden, dass Reuter wie anlässlich der Blockade eine flammende Rede mit eventuell unkalkulierbaren Folgen hält. „Die Amerikaner haben nichts getan, was sie nicht tun mussten, aber es stimmt nicht, dass sie Nein gesagt haben. Sie haben gar nichts gesagt,“ vermutet Trotnow.

Weitere Informationen im Internet:

www.tagesspiegel.de/17juni53

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