Berlin : Die Rückkehr der Rabbinerin

Heute wird Gesa Ederberg feierlich ins Amt eingeführt – sie ist die Erste seit der Nazi-Zeit

G,a Bartels

Ein herzlicher Händedruck und herein- spaziert ins übervolle Büro. Und während Gesa Ederberg noch schnell was mit ihrer Assistentin klärt, weist sie auf die Gratulation der Bundeskanzlerin, die auf dem Schreibtisch liegt. „Toll, oder?“. Auch im Programm zur Amtseinführung der einzigen deutschen Gemeinderabbinerin wechseln sich Grußworte des Bundesinnenministers mit denen jüdischer Gelehrter aus New York und Israel ab. Stolz und Freude darüber, dass zum ersten Mal nach 70 Jahren wieder eine Rabbinerin in der Synagoge Oranienburger Straße amtiert, schwingt darin mit. Amtsvorgängerin von Ederberg war Regina Jonas. 1935 dort als weltweit erste Rabbinerin ordiniert und später in Auschwitz ermordet.

Es heißt schon was, dass die jüdische Einheitsgemeinde in Berlin diese Rabbinerin anstellt. „Selbst Orthodoxe haben der Pluralität wegen für mich gestimmt“, sagt Gesa Ederberg. Trotzdem gibt es intern Kritik konservativer männlicher Würdenträger gegen die Rabbinerin. Ederberg zuckt gelassen mit den Schultern: „Gegenwind gibt's immer. Den kann man reflektieren und Rückwind draus machen.“

Gesa Ederberg wirkt zupackend und gelehrt zugleich. Sie ist 38, verheiratet und Mutter von sechsjährigen Zwillingen. Eine stattliche Erscheinung, deren leicht schwäbische Sprachmelodie auch nach 16 Jahren in Berlin noch ihren Geburtsort Tübingen verrät. „Mein Lebensweg ist überhaupt kein Vorbild“, kommentiert die zum jüdischen Glauben Konvertierte ihre Uniabschlüsse in Physik und evangelischer Theologie. „Mich interessierte immer Gott und Welt, Ethik und Naturwissenschaften“. Carl Friedrich von Weizsäcker war ihr Vorbild. Aber dann sei sie immer existentieller in die Judaistik reingerutscht. 2002 ist die Ankunft in der religiösen Heimat perfekt: Sie beendet ihre Studien in Jerusalem als Rabbinerin.

Gott hält Ederberg, die die religiöse Gleichberechtigung von Männern und Frauen als „Schlüssel für eine friedlichere Welt“ bezeichnet, übrigens weder für einen Mann noch für eine Frau. Und mit religiöser Gleichberechtigung meint sie, die Hälfte der Synagogen und Ämter sollten Frauen einnehmen. Und das, obwohl sie zu der wertkonservativen Masorti-Strömung gehört. Inklusive Schabbatruhe und koscherem Essen. „In diesen Traditionen lässt sich im Alltag Heiligkeit finden.“ Gerade der Sonnabend vor der Amtseinführung mit 250 geladenen Gästen sei ein prima Beispiel. „Sonst würde ich tags zuvor wild telefonieren, aber so bleiben Telefon und Computer aus und wir feiern wie immer Schabbat.“

Als Rabbinerin will sie für die Menschen da sein. Ob sie sich vorstellen kann, eine öffentliche Figur zu werden, die so selbstverständlich zu ethischen Fragen Position bezieht wie Berliner Bischöfe und Kardinäle? „Natürlich!“ Es sei wichtig, dass Juden bei ganz normalen gesellschaftlichen Themen mitsprächen.

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