Berlin : Die Rückseite des Gedenkens

Am 17. Juni wurden Kreuze für getötete Flüchtlinge enthüllt, deren Namen nur von der Spree aus zu lesen sind

Lothar Heinke

Seltsam, dieses Bild von der feierlichen Übergabe des Erinnerungsortes „Mauerkreuze“. Was wollen uns Wolfgang Thierse und Klaus Wowereit mit dieser Pose sagen? Kommt da etwas angeschwommen? Angelt jemand am grünen Strand der Spree?

Nichts Besonderes: Bundestagspräsident und Regierender Bürgermeister lesen nur, was hinterrücks auf den Kreuzen steht. Sie lesen die Namen von sieben Berlinern, die zwischen 1961 und 1989 bei dem Versuch, von Ost- nach West-Berlin zu fliehen, getötet wurden. Udo Düllick, Werner Probst, Philipp Held, Axel Hannemann, Lutz Haberland, Wolf-Olaf Muszinski und Chris Gueffroy steht mit schwarzer Schrift auf der dem Wasser zugewandten Seite der sieben weißen Metallkreuze. Der Besucher des neu gestalteten Ebertplatzes zwischen Reichstag und Spree erfährt jedoch diese Namen nur, wenn er sich entweder leicht verrenkend über die Kreuze beugt oder die Buchstaben von einem Schiff aus entziffert, wobei wegen der kleinen Schrift die Benutzung eines Feldstechers ratsam wäre. Die anderen Namen zur neuen Treppenanlage des Ebertplatzes sind die von Günter Litfin, Ingo Krüger, Hans Räwel, Klaus Schröter, Heinz Sokolowski, Marinetta Jirkowski; ein Kreuz ehrt die „Unbekannten Opfer“ – insgesamt sind, so steht es auf einer Tafel, 152 Menschen an der Berliner Mauer oder in der Spree bei Fluchtversuchen zu Tode gekommen.

Wieso sind nur 13 genannt? Warum wurden nur sieben der ursprünglich 14 Kreuze, die der private Berliner Bürger-Verein im Jahre 1971 zwischen Spree und Mauer aufgestellt hatte, neu gestaltet? Ist es eine moderne Kunst des Gedenkens, dass sich der Betrachter beim Entziffern auf dem Kopf stehender Buchstaben den Hals verrenkt? Schon werden Legenden gestrickt: Die Menschen, deren Namen zur Wasserseite hin genannt sind, wurden bei ihrem Fluchtversuch durch die Spree, die komplett zur DDR gehörte, erschossen. Die anderen traf die tödliche Kugel an Land, vor der Mauer.

Das ist ein Irrtum. Wichtig war für die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung „der Bezug zu dem Ort, an dem die Menschen gestorben sind. Da die meisten Menschen in der Spree umgekommen sind, war der räumliche Bezug zum Wasser wichtig“, sagt Dietmar Bartholome vom Hauptstadtreferat. Es wurde ein Ort gefunden, der nahe an dem ursprünglichen Standort der Kreuze liegt und eine würdige Umgebung für die Mahnzeichen bietet. Grund zur beidseitigen Beschriftung war, dass vor dem Mauerfall die Namen auf den Kreuzen nur nach Westen gerichtet waren, doch jetzt könne man eben auch vom Osten, von der Spreeseite aus, auf die Kreuze schauen und die Namen lesen. Merke: Eine tiefe Symbolik wohnt der Einsparung von sieben Kreuzen inne.

Wer freilich alle 14 Kreuze mit den dazugehörigen Namen sehen möchte, muss an die Ebert-/Ecke Scheidemannstraße gehen. Dort sind seit Jahren die Mauerkreuze an einem Zaun befestigt, nachdem sie ihrem ursprünglichen Standort nordöstlich des Reichstages wegen des Erschließungstunnels für den Bundestag weichen mussten. Architekt Jan Wehberg und der Senat betrachten den Kreuz-Ort am Tiergartenrand als Provisorium, und Dietmar Bartholome meint zu dieser Doppelung der Kreuze und Gedenkorte, dass die weißen Denkzeichen in der Ebertstraße ja nun eigentlich überflüssig seien – „die werden da in Kürze sicher weggenommen“ .

Dagegen protestiert der „Berliner Bürger-Verein“ schon jetzt vehement. „Wir haben die Kreuze 1971 zum zehnten Jahrestag des Mauerbaues aufgestellt, sind mit ihnen an die Ebertstraße umgezogen und haben sie bis heute dort gepflegt. Die Kreuze gehören uns und sonst niemand. Sie kommen da nicht weg!“, sagt der 89-jährige resolute Vorsitzende Karl-Georg Welker. „Tausende Touristen gehen an dem schattigen Ort auf ihrem Weg zum Reichstag vorbei. Diese Stelle ist lebendig. Aber wer verirrt sich denn auf den neuen, fernab liegenden Ebertplatz am Ufer der Spree?“ Herr Welker, der der Einweihung des neuen Kreuz-Platzes ferngeblieben war, will auch an diesem 13. August an „seinen“ Kreuzen der Mauertoten gedenken und vorher mit dem Bundestagspräsidenten sprechen, damit die 14 Kreuze erhalten bleiben, „die können sie ja nicht einfach wegschmeißen“. Dietmar Bartholome wundert sich: Der Bürger-Verein sei an allen Planungen beteiligt gewesen.

Entweder werden wir bald nur noch einen „offiziellen“ Gedenkort mit sieben weißen Kreuzen haben – und viel Ärger mit Herrn Welker, der sowieso bitter beklagt, dass es statt Bürgerwillen nur noch Parteiwillen gibt. Oder alles bleibt, wie es ist: Sieben weiße Kreuze an der Spree, 14 im Tiergarten. Für 14 von 152 Toten, deren Andenken Ehre verdient, nichts anderes.

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