Berlin : Die Säcke aus der Economy-Class

Jede Nacht machen sich 32 Tonnen Luftpost auf die Reise von Berlin nach Frankfurt/Main. Dabei wird der Passagier-Airbus zur Frachtmaschine

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Von Lothar Heinke

Die Nachtvögel schweben ein, einer nach dem anderen. Sie gleiten über das Feld, rollen langsam näher und stellen sich in zwei Reihen artig gegenüber auf. Sie haben n: Osnabrück, Lindau, Troisdorf, Kleve, Naumburg, Singen, Bamberg, Erbach. Jetzt kommt Bocholt aus TXL-Berlin geflogen. Es ist Geisterstunde, und jetzt der Airbus auf dem Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt.

Um Mitternacht ist alles anders. Da kommt kein Passagier aus dem Bauch des A 300, und niemand steigt die Gangway hoch, um in die Sitze des Lufthansa-Kranichs zu sinken. Die 270 Plätze sind auch in dieser Nacht bis zur Unkenntlichkeit zweckentfremdet – hier sitzen, stehen, liegen Liebesgrüße und Zahlungsaufforderungen, ministeriale Verlautbarungen, Werbeprospekte, Bankmitteilungen, Hochzeitseinladungen und überhaupt alles, was man in einen Briefumschlag stecken und wegschicken kann. Um Mitternacht hat die gelbe Deutsche Post die weiße Familie Airbus fest im Griff. Die Main-Metropole ist Deutschlands Nachtpoststern. 32 Tonnen Briefgut aus Berlin lagert in silbernen Containern, grünen Säcken und gelben Plastekisten im bauchigen Laderaum oder eben auf allen (mit festen Schonbezügen überzogenen) Sitzen des Flugzeugs. Vor einer guten Stunde noch waren die Postsachen, die am Tage irgendein Berliner Briefkasten geschluckt hatte, nach Bestimmungsorten sortiert und markiert, in Tegel in den Vogel verladen worden.

Nun, in Frankfurt, beginnt die Routine der Nacht. Fünfmal in der Woche das Gleiche. Als ob man den Film vom Einchecken rückwärtslaufen ließe: Container werden aus dem Bauch gehoben, Kisten von den Sitzen genommen und Beutel vom Förderband auf bereitstehende Wagen gerollt. Die Maschine hat genau 50 Minuten „Bodenzeit“. Dann ist sie leergeräumt – und unsere Berliner Briefe werden entweder auf Lastautos (für die nähere Umgebung) oder auf andere Maschinen umgeladen, so dass sie eine Stunde später sieben weitere Flughäfen erreichen, um von dort auf der Straße in die Briefzentren der Deutschen Post gefahren zu werden. Bis in die frühen Morgenstunden wird dort nach den Postleitzahlen sortiert, dann kommt der Briefträger und erledigt den Rest. Die Post hat den Ehrgeiz, 95 Prozent aller Sendungen am nächsten Tag beim Empfänger zu haben. Dafür wurde der Frankfurter Nachtpostknoten erfunden.

Die Post hatte uns in ihr Nachtluftpostnetz eingewoben, um zu zeigen, wie toll das alles ist. Es fing schon gut an. „Sky-Lounge“ ist der Konferenzsaal an der Spitze eines vielgeschossigen Glaskastens. Von hier hat man den Adlerblick auf das Rollfeld mit seinem ewigen Hin und Her und Auf und Davon, unter uns arbeitet das Internationale Postzentrum (IPZ) auf Hochtouren. Seine Hülle kostete fünf Millionen, die eingebaute Technik aber 35 Millionen Mark. Hier werden die Postsachen verteilt, die dann zum Beispiel mit einer Maschine der „Varig“ nach Brasilien fliegen. (Dieses Flugzeug fiel uns nur auf, weil man ihren Rumpf mit drei brasilianischen Fußballern beim Toreschießen bemalt hat). Fast 2000 Menschen aus 65 Ländern arbeiten hier, haben eigene Bet-Räume und kümmern sich täglich um bis zu zweieinhalb Millionen Brief- und 25 000 Paketsendungen. Und darum, dass die richtige Post zu exakt 246 Zielflughäfen in aller Welt geflogen wird. Manchmal mit so unerwünschten Gästen wie Käfern, Schlangen und Skorpionen, die dann unverhofft aus den grau-blauen Säcken mit dem schwarz-rot-goldenen Streifen kriechen. Kilometerlange Laufbänder winden sich durch die Hallen und kippen ihre Ladung nach dem Befehl eines Strichcodes in den jeweils dafür bestimmten Beutel oder Container. Hier erfährt man, weshalb ein schlecht geschriebenes Länderkennzeichen unserer Post die schnelle Erfolgsquote vermasselt: Liest der Codierer bei CH für Schweiz aus irgend einem Grund das C nicht mit, landet das Poststück im Behälter für H=Ungarn. Im Übrigen sollte der Ländername noch einmal deutlich geschrieben unter der Adresse stehen, für alle Fälle. Bei Kyrillisch oder Arabisch streikt übrigens der künstliche Leser – das macht dann ein Iwan oder Achmed.

Für deutsches Schrift- und Stückgut verwendet die Post nicht weniger Intensität und Logistik: In jeder Nacht fliegen 19 Maschinen auf 32 Strecken zu zwölf Flughäfen. Sie transportieren rund acht Millionen Sendungen, das entspricht einem Gewicht von etwa 300 Tonnen. Die nächtlichen Sendungen von und nach Berlin wiegen jeweils 32 Tonnen, die Post spricht von über 70 Millionen Karten und Briefen, die täglich bundesweit transportiert werden. Und trotz E-Mail und SMS geht die Kurve nicht nach unten – Brief bleibt Brief, vor allem als Werbeträger.

Wir stehen wieder auf dem Rollfeld. Grelles Licht macht die Nacht zum Tage: Unserem A 300 „Erbach/Odenwald“ wurde mittlerweile der Bauch erleichtert und postwendend wieder gefüllt. 32 Tonnen (zumeist) liebe Grüße nach Berlin. Die 50 Minuten Bodenzeit sind um. Festgezurrt, wie vor drei Stunden noch die Passagiere, liegen unzählige gelbe Brief-Kästen in den über die Sitze gestülpten Schonbezügen. Flugkapitän Ulrich Manzke flog heute schon Frankfurt-München-Hamburg (mit Passagieren), dann Hamburg-Frankfurt mit Post und nun Frankfurt-Berlin. Er wird um halb drei landen. Während auf dem Tegeler Rollfeld die Prozedur mit dem Ausladen beginnt, fährt der Mann mit den vier goldenen Streifen am Ärmel ins Hotel, denn am nächsten Tag fliegt er zurück nach Frankfurt und dann nach Athen. Der Kapitän mit den 15 000 Flugstunden treibt seine Vögel seit 40 Jahren in die Luft, hatte seine Leidenschaft als Segelflieger begonnen und beim Frachtflug fortgesetzt. Von da ist ihm eine Tour nach Kairo in Erinnerung – mit 250 000 Kücken in Kisten auf den Sitzen. Der Unterschied? „Passagiere und Postsäcke sind wesentlich leiser“. . .

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