Berlin : Die Sängerin Claudia Herr: Eine klassische Bühne braucht sie nicht

Henning Kraudzun

Claudia Herr sitzt entspannt am Gartentisch. Um sie herum, im Pasewaldschen Hof, herrscht eine fast surreale Idylle. Kleine Blumenbeete vor einer mit wildem Wein berankten Mauer, daneben bietet die restaurierte Fachwerkscheune den malerischen Durchblick zum zweiten Hof. Buntes Kopfsteinpflaster komplettiert das kleinstädtische, ja fast dörfliche Flair. Eine Oase. Während draußen der Verkehr auf der Karl-Marx-Straße tobt, herrscht hier absolute Stille. Die Haustür ist die Schleuse zu einer anderen Welt, der Durchgang zum alten Rixdorf.

Sie genießt diese Ruhe vor ihrer Wohnung, sie lebt mit anderen Künstlern als Ateliergemeinschaft in dem sonnigen Hinterhaus. "Ich bin froh, hier jederzeit abschalten zu können. Für die eigene Arbeit herrschen ideale Bedingungen", sagt die Sängerin. Ein Ruhepol zum Auftanken auch nach dem Kulturfest "48 Stunden", als sie in drei Nächten hintereinander im Neuköllner Stadtbad Arien unter Wasser trällerte und dazu durch das Bassin tauchte. Ihre Performance "AquAria" war ein Höhepunkt des Kulturfestivals. Herzzerreißende Gesänge in Mezzosopran und Alt drangen über ein Unterwassermikrofon an die Oberfläche, untersetzt von dem Glucksen der Sauerstoffflasche. Das Publikum pilgerte regelrecht zu allen drei Konzerten und war begeistert. Ein persönlicher Erfolg für die Künstlerin, hatte sich doch ihr Versuch erfüllt, möglichst viele Menschen mit ihrer eigenwilligen Art des Musikmachens zu erreichen. "Die Art und Weise, wie man unter Wasser singen kann, machte die Leute neugierig", vermutet sie.

Aber es war nicht nur ihr Erfolg, sondern der für zeitgenössisch-klassische Musik. Oftmals sei diese schwer zu vermitteln, vor allem wegen der gewöhnungsbedürftigen Kompositionen, erklärt Claudia Herr. "Dabei verbinden sich mit Neuer Musik vielerlei interessante Einflüsse." Sie träumt davon, einmal mit einer Band der "Neuen Musik" auf Tournee zu gehen und frischen Wind in altehrwürdige Konzerthäuser zu bringen. Die Gruppe, bestehend aus Perkussion, Piano, Streichinstrument, Bläsern und mit ihr als Sängerin soll dann klassische Musik völlig anders aufführen.

Überhaupt suchte sie immer wieder ungewöhnliche Schauplätze für ihre Musikperformances. Im vergangenen Jahr stieg sie anlässlich der "48 Stunden" den Nachbarn fast aufs Dach. Sie zeigt auf die hohe, berankte Mauer im Hof: "Von dort oben habe ich meine Arien in die Nacht geschickt. Premiere war morgens um vier." Auch in einer Scheune und auf Eisenträgern sitzend trat sie schon auf. Zum nächsten Hoffest der Ateliergemeinschaft wird sie aus dem Fenster singen. Es muss nicht immer eine Bühne sein.

Als "Grenzgängerin zwischen künstlerischen Welten" - wie sie oft bezeichnet wurde - versuchte sich die ausgebildete Sängerin bis heute in allen Genres. Schon während des Studiums an der Rostocker Hochschule für Musik und Theater fühlte sie sich zum Schauspiel hingezogen. "Dort habe ich versucht, alles mitzunehmen", sagt die geborene Dresdnerin. Von jener soliden Ausbildung in der Theaterabteilung profitiert sie heute bei ihren Aufführungen. Im gleichen Maße hat sie die Malerei immer fasziniert: "Mit der bin ich groß geworden." Aber das Malen und Schreiben von Gedichten blieb nur eine gelungene Abwechslung. Der Gesang stand immer im Vordergrund: "Ich wusste schon mit vier Jahren, dass ich später Sängerin werde", erzählt sie weiter. Dieses Ziel verfolgte sie hartnäckig. Tourneen und die Teilnahme an Festivals führten sie bereits als Kind durch halb Europa. "Wir waren damals als singende Staatsdelegation unterwegs", sagt sie und lacht.

Gerade ist sie aus Zürich zurückgekehrt. In den letzten Wochen ging es dort vor allem um Bach. Mit ihrem Lehrer Ernst Haefliger arbeitete sie täglich intensiv zusammen. "Dadurch habe ich mich stimmlich bedeutend weiterentwickelt", berichtet sie. Obwohl eigentlich "Neue Musik" bei ihr im Vordergrund steht, ist sie immer wieder von Bach fasziniert. Zudem sei der Komponist Balsam für Seele und Stimme - "eine Erfüllung", schwärmt sie. Ihr Traum: in einem großen Weihnachtsoratorium die Alt-Partie zu singen. Zum Einsingen stehe er täglich bei ihr auf dem Programm. Vielleicht singt sie Bach einmal dort, wo es vor ihr noch niemand tat.

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