Berlin : Die Schaltkreise der Macht

Der Fotograf Günter Schneider dokumentiert die neue Architektur der Stadt aus der Vogelperspektive

Lars von Törne

Aus der Luft wirkt Berlin wie ein gigantisches Puzzle, bei dem die Teile durcheinandergeraten sind. Hier ein Kubus aus Beton, dort ein gläsernes Rund, daneben ein Bogen aus glänzendem Stahl. Dazwischen Flüsse und Straßen wie die Schnittstellen in einem halb fertig gelegten Puzzle-Bild aus zahllosen Einzelteilen.

Der Fotograf Günter Schneider hat die Stadt aus der Vogelperspektive studiert und mit seinen außergewöhnlich detailreichen Bildern diesen eklektizistischen Charakter Berlins anschaulich illustriert. Mehr als 150 seiner spektakulären Luftaufnahmen hat der Jaron-Verlag jetzt in einem opulenten Fotobuch versammelt. Es gibt einen umfassenden Überblick über die architektonische Vielfalt des gegenwärtigen Berlins, kombiniert mit historischen Luftbildern, anhand derer die städtebaulichen Umwälzungen der vergangenen Jahre umso dramatischer erscheinen.

Auch wenn man als Berliner meint, schon alle wichtigen historischen Gebäude und die Neubauten der vergangenen Jahre oft genug in Fotobüchern gesehen zu haben – durch Günter Schneiders Linse entdeckt man viele von ihnen noch einmal neu. Die Werke von Libeskind, Gehry, Schultes und ihren Kollegen hat der Fotograf vom Hubschrauber aus mal in spektakulären Panoramen festgehalten, mal in Nahaufnahmen, auf denen man auch vertraute Gebäude erst auf den zweiten Blick erkennt.

Die Stadt erscheint hier oftmals als Rätselbild: Das Kanzleramt sieht von oben aus wie das komplexe Innenleben eines Computers mit Platine, Schaltkreisen und Kühlelementen. Die Hedwigskathedrale am Bebelplatz in Mitte wirkt wie eine rätselhafte runde Frucht mit grüner Schale. Und das Aluminiumdach des Ludwig-Erhard-Hauses erinnert an den verpackten Reichstag mit seiner silbrig schimmernden Außenhaut.

Viele Gebäude scheinen erst aus dieser Perspektive ihre volle architektonische Wirkung zu entfalten: Die aus einem Dutzend Gebäudeteilen bestehende Heinz- Galinski-Grundschule in Charlottenburg ähnelt von oben wie vom Architekten beabsichtigt einer Sonnenblume, das Velodrom sieht aus wie ein massives Ufo, Eisenmans Holocaust-Mahnmal wirkt, als sprenge es alle Dimensionen, und die barocke Gartenanlage im Charlottenburger Schlossgarten ist erst aus der Luft als ornamentales Gesamtkunstwerk erkennbar.

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Dazu beschreibt der Autor Christian Bahr in viersprachigen Texten (Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch), wie in den vergangenen 17 Jahren aus der nach der Wende „notdürftig zusammengeschusterten Doppelstadt“ ein organisches Ganzes wurde. Das illustrieren Schneiders Bilder dank der ungewöhnlichen Perspektive ganz hervorragend. Erst aus der Luft zeigt sich, wie weit das bunte Stadtgebilde inzwischen bereits zu einer Einheit verwachsen ist.

Günter Schneider: Berlin in Luftbildern. Jaron Verlag. Berlin. 144 Seiten mit 150 Fotos und Texten von Christian Bahr, 39,90 Euro.

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