Berlin : Die Scham lässt Männer schweigen

Gerade erschlug eine Frau ihren Mann. Gewalt von Frauen ist gar nicht so selten, ein „Männerhaus“ in Planung

Tanja Buntrock

Der Mann wurde mit einem Fleischklopfer erschlagen; gelitten hatte der 65-Jährige unter den Gewalttaten seiner Frau schon länger. Gewehrt hat er sich offenbar nie. Der Tote vom vergangenen Montag mag ein besonders drastischer Fall sein, aber er ist längst nicht das einzige männliche Opfer weiblicher Gewalt. Dass auch Frauen zuschlagen, ist vor allem deshalb vielen unbekannt, weil Männer nur ungern darüber sprechen.

Wie zum Beispiel Johannes (Name geändert). Er wusste einfach nicht mehr, was er noch tun sollte, wenn ihm wieder mal der Hass im wahrsten Sinne des Wortes entgegenschlug. Johannes, 34 Jahre alt und 1,80 Meter groß, stand einfach da, hielt sich die Hände vors Gesicht, um die Hiebe seiner Freundin abzuwehren. Manchmal schaffte er es, ihre Arme festzuhalten, dann schrie sie nur noch auf ihn ein. Zurückschlagen, das kam nicht in Frage. Johannes verabscheut Gewalt. Und er hatte Angst, dass der darauf folgende Schlag noch stärker schmerzen würde. Oder dass die Freundin – die Mieterin der gemeinsamen Wohnung – ihn vor die Tür setzte. Johannes sagt, er habe sich einfach nicht wehren können. Schuldgefühle plagten ihn, weil auch er seiner Freundin oft weh getan hat: nicht mit Schlägen, sondern mit Worten. „Ich habe sie permanent kritisiert, ihr Dinge vorgehalten, von denen ich wusste, dass sie dann auf die Palme geht.“ Irgendwann war einer ihrer Gewaltausbrüche so schlimm, dass er in den Park flüchtete und auf einer Bank nächtigte. Ein anderes Mal mietete er sich ein Hotelzimmer, um sicher zu sein vor seiner Freundin. So kann es nicht weitergehen, dachte er sich schließlich. Die Erniedrigung war so groß, dass eigentlich nur noch eine Trennung die Lösung war.

Johannes traut sich nur zögerlich, über sein jahrelanges Martyrium zu reden. „Anfangs habe ich mit niemandem darüber gesprochen. Meine Freunde hätten es sowieso nicht verstanden. Ich bin in Scham versunken“, erzählt er. Doch seit er vor über einem halben Jahr die Hilfe des Familienberaters Peter Thiel in dessen „Berliner Männerbüro“ aufgesucht hat, geht es ihm besser.

Peter Thiel, 41, und seine acht Mitstreiter von der Beratungsstelle kümmern sich seit zwei Jahren um Männer, die unter der Gewalt von Frauen leiden – ein Tabuthema. Einen Mann, der von einer Frau geschlagen wird, gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung allenfalls in Werbespots oder Spielfilmszenen, wo die Betrogene zur Ohrfeige ausholt und sich der untreue Mann schuldbewusst an die Wange fasst. „Doch die Zahl der Männer, die von ihren Partnerinnen geschlagen werden, ist weit höher, als man denkt“, sagt Thiel. „Allerdings trauen sich Männer kaum, darüber zu sprechen, geschweige denn, Anzeige zu erstatten, aus Angst, als Weichei abgekanzelt zu werden.“

Aus diesem Grund gibt es auch keine konkreten Zahlen darüber, wie viele Männer der Gewalt von Frauen ausgesetzt sind. Allerdings betont Michael Bock, Kriminologe an der Universität Mainz, dass es bei Gewalt gegen Männer nicht nur darauf ankommt, dass „geschlagen“ wird. „Das ist eine viel zu unpräzise Bezeichnung“, sagt der Wissenschaftler. „Männer sind häufig Opfer schwerer physischer Gewalt.“ Laut einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KFN) nehmen sich die Geschlechter in puncto Gewalt nichts. Das Bundesfamilienministerium hat eine Pilotstudie in Auftrag gegeben, die Daten zur Gewalt – auch gegen Männer – untersucht.

Peter Thiel ist es im Grunde egal, was genau die Zahlen sagen. Für ihn steht fest, dass seine Geschlechtsgenossen häufiger von Frauen gepeinigt werden als allgemein angenommen. „Am Ende eines Satzes kommt häufig so etwas wie ‘da hat sie mich geschlagen‘ oder ähnliches“, schildert Thiel. Auf Nachfrage bekam er schon so manche Schauergeschichte zu hören. So sei die Frau eines seiner Hilfesuchenden alle paar Monate so „ausgerastet“, dass der Mann ein weit sichtbares Veilchen davontrug. Thiel hat so etwas wie ein „Verhaltensmuster“ festgestellt: „Diese Männer sind emotional extrem abhängig von den Frauen. Nur, um nicht verlassen zu werden, nehmen sie dieses Verhalten in Kauf.“

Frauen, die Opfer von Gewalt sind, können sich bundesweit in 450 Frauenhäuser flüchten. Und Männer? Thiel würde gern das erste deutsche Männerhaus in Berlin eröffnen. Hier sollen sich männliche Opfer – gegebenenfalls mit ihren Kindern – für eine begrenzte Zeit zurückziehen können, „mal in Ruhe über ihre Situation nachdenken können und gegebenenfalls von dort ihr neues Leben starten“, erklärt Thiel. Das bedeute auch, dass die Männer sich nach einer Eingewöhnungszeit an therapeutischen Einzel- oder Gruppengesprächen beteiligen.

Johannes ist sich nicht sicher, ob er den Mumm gehabt hätte, in ein Männerhaus zu flüchten. Aber ganz ohne Hilfe den Weg aus der gewalttätigen Beziehung zu finden, wäre ihm auch nicht gelungen. Es habe ihm geholfen, offen über seine Probleme zu reden und zu wissen, dass es auch andere Männer gibt, die ähnliches durchmachen, sagt er. Viele andere Männer – und alles keine Weicheier.

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