Berlin : Die Schatten der Schreie: ein Berliner Fühmann/Joyce-Projekt

Christoph Funke

Als Franz Fühmann am 8. Juli 1984 im Alter von 62 Jahren starb, hatte er die Erstsendung seines Hörspiels "Die Schatten" im Rundfunk der DDR nur um wenige Wochen überlebt. Schon ein Jahr vorher musste er sich einer Operation unterziehen, während der er aus dem Reich des Todes noch einmal zurückgeholt werden konnte. Diese Berührung mit den "Schatten" ließ den Dichter nicht wieder los, und sie verband sich mit der tiefen Sorge, dass Anfang der achtziger Jahre kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den feindlichen gesellschaftlichen Systemen möglich sein könnten. Im Hörspiel verdichtet er das verstörende Todeserlebnis zur beschwörenden politischen Warnung, eine Episode aus dem 11. Gesang der Odyssee aufgreifend.

Georg Trakls Dichtung ergründend, fragte Fühmann: "Mehr Schmerz?" Das Theater "Fürst Oblomov" greift hoch, wenn es Fühmanns Hörspiel zur Aufführung bringt und dabei flüchtig mit der Circe-Episode des "Ulysses"-Romans von James Joyce verbindet. Hörspiele verweigern sich dem durch Darsteller, durch Körper bestimmten mehrdimensionalen Raum, sie leben aus dem Zauber und Geheimnis von Stimmen. Und so war es nicht die "arme" Bühne im Hof des Theaters, die das Unternehmen scheitern ließ, sondern der geradezu zwanghafte Versuch, einen raunenden Text trotz vielerlei Fremdgeräusche (Straßenbahnen, Autos, Motorräder, Flugzeuge) durch hallend-langsames Deklamieren an die Zuschauer zu übermitteln. Das Leise, Beschwörende, Fragende in Fühmanns Dichtung wirkte dadurch plötzlich aufgesetzt. Der Regisseur und Textbearbeiter Joern Strohner trieb seine Darsteller in stampfend kriegerische Tänze, mit Blechschwertern und Schilden aus Verkehrszeichen. Sehr bemühtes, chorisch-rhythmisches Sprechen wechselte mit der Trägheit statuarischer Figurationen - ein sinnlicher, theatralischer Aufschluss des mit Joyce wenig überzeugend "angereicherten" Hörspiels gelang nicht. Nach fast zwei Stunden auf Gartenstühlen (Länge des gesendeten Hörspiels: 63 Minuten, 35 Sekunden) klatschten sich die Zuschauer dennoch warm.Theater Fürst Oblomov, Zinnowitzer Str. 3-5, 27. 8. sowie 1., 2., 3., 15., 16. und 17. 9., 20 Uhr

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