Berlin : Die schlaue Eminenz

Norbert Kaczmarek war der Mann hinter von Weizsäcker, Diepgen, Wowereit. Nach 24 Jahren geht er in den Ruhestand. Und wird nun erstmals groß gefeiert

Brigitte Grunert

Auf die Frage, wie ihm zumute sei so kurz vor der Pensionierung, reagiert er mit leiser Ironie: „angemessen.“ Norbert Kaczmarek, wie er leibt und lebt, immer gewitzt verschwiegen. Seit 24 Jahren ist er der Abteilungsleiter Politische Koordination in der Senatskanzlei. Es gebe keine schönere Aufgabe, sagt er. Doch es hilft nichts, mit 65 muss man gehen. Am 26. Februar, also am Montag, ehrt ihn der Regierende Bürgermeister mit einem Abschiedsempfang. Auch Klaus Wowereits Vorgänger Richard von Weizsäcker, Eberhard Diepgen und Walter Momper haben zugesagt.

Allen hat er mit Hingabe gedient, geräuschlos, absolut zuverlässig, die Loyalität in Person. Zu allen hatte er „ein atmosphärisch gutes Arbeitsverhältnis“, zu dem „anspruchsvollen“ Weizsäcker, dem auf Kompromisse bedachten Diepgen, dem lockeren Wowereit, der „ein sehr gründlicher Administrator und Aktenleser ist“. Ach ja, einmalig spannend war die grundstürzende Wendezeit 1989/90 mit Momper, der es obendrein mit Turbulenzen im SPD/AL-Senat zu tun hatte.

Was bleibt? „Man hinterlässt ganz wenig, man muss die Tagesgeschäfte bewältigen, man setzt keine eigenen Akzente.“ Das klingt bescheiden, aber als Chefkoordinator hatte er mit der Vorbereitung aller politischen Vorhaben zu tun, und es gab keine Senats-, keine Parlamentssitzung, keine Koalitionsverhandlungen ohne Kaczmarek als Aufpasser.

Er stammt aus Potsdam, machte das Abitur erst dort und noch einmal im Westen, da er im Osten nicht studieren durfte, ein Grenzgänger vor dem Mauerbau. Mit der Schülermonatskarte der BVG, ausgestellt am Alexanderplatz, fuhr er ein Jahr lang zur Schule in Reinickendorf. Ach, die Vopos kannten seine Ironie nicht. Fragten sie ihn am S-Bahn-Kontrollpunkt Griebnitzsee, wohin er wolle, nannte er wahrheitsgemäß die Friedrich-Engels-Schule. Die konnte man sich doch nur im Osten vorstellen. Drei Tage vor dem Mauerbau flüchtete er nach West-Berlin, studierte Politologie an der FU, stand den Achtundsechzigern herzlich ferne und wurde nach dem Examen Assistent der CDU-Fraktion des Abgeordnetenhauses. Fraktionschef Heinrich Lummer lieh ihn 1978 an den Spitzenkandidaten Weizsäcker aus. So begann seine Karriere bis hoch zum Senatsdirigenten. Als Regierender Bürgermeister machte ihn Weizsäcker 1981 zum Leiter seines Persönlichen Büros und zwei Jahre darauf zum Abteilungsleiter. Der heutige CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger übernahm das Persönliche Büro.

Kaczmarek musste sich als Spitzenbeamter wechselnden Umständen anpassen, aber er selbst hat sich kaum verändert, dieselbe schlanke Figur wie einst, kaum ein graues Haar, nur die buschigen dunklen Augenbrauen lassen ahnen, dass er ein energischer Abteilungsleiter war. „Manchmal waren meine ironischen Kommentare an den Akten sicher etwas bissig“, meint er, „aber Ironie ist mein Ventil“. Man brauche Humor, „um zu kompensieren, was einem gegen den Strich geht“. Wohl deshalb erfreut er sich bester Gesundheit. Und deshalb liegt auf seinem Stehpult im Amtszimmer das Buch „Die Schildbürger“, Kinderbuchverlag 1959, DDR. Er weist eben gern auf die Narren in der Kommunalpolitik, „man soll sie nicht überbieten“.

Die Graue Eminenz geht und nimmt ein reiches Wissen über Weise und Narren in der Politik mit. Es ist kein leichter Abschied, aber er will endlich die Familie nicht mehr vernachlässigen müssen, die Frau, die Kinder, die drei kleinen Enkelkinder, „ich war ja nie zu Hause“...

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