• Die schlechte Konjunktur ist nicht allein schuld - Die IHK empfiehlt den Händlern gemeinsames Marketing

Berlin : Die schlechte Konjunktur ist nicht allein schuld - Die IHK empfiehlt den Händlern gemeinsames Marketing

Tobias Arbinger

"Räumungsverkauf", steht in hohen Lettern auf der Schaufensterscheibe des "Musiclands". Nach über zwanzig Jahren macht der Plattenladen unweit des Walther-Schreiber-Platzes zu. Inhaber Ronald Kuczera verkauft zum Dezember an jemanden, "der mit Restposten arbeitet". Innerhalb der vergangenen drei Jahre sei sein Umsatz um 80 Prozent zurückgegangen. Die großen Elektronikmärkte machten ihm zu schaffen, sagt Kuczera. Aber auch die neuen CD-Brenner für Heimcomputer und billige Musikangebote im Internet hätten sein Geschäft ruiniert.

Keine 200 Meter weiter vermisst ein Möbelhändler die Laufkundschaft. Die Anwohner rund um die Rheinstraße würden zudem noch weniger Geld ausgeben als in den vergangenen Jahren, sagt Otto Axmann. Bis zu 15 Stunden habe er täglich mit seinem Einrichtungshaus zu tun, trotzdem verdiene er weniger als noch vor ein paar Jahren. Die großen Möbelhäuser verkauften mittlerweile die gleichen Designer-Stücke wie er. Er könne nur konkurrieren, weil er Hotels und Restaurants mit Inneneinrichtungen ausstatte, sagt Axmann.

Händler klagen gern über das miese Geschäft. Doch in der Schöneberger Rhein- und in einem Teil der Hauptstraße kommen dazu auffällig viele leerstehende Läden: "Zu vermieten" steht an einem Dutzend früherer Geschäfte an der Friedenauer Geschäftsstraße zwischen Walther-Schreiber- und Innsbrucker Platz. Es sei "nicht leicht", Interessenten für seine drei leeren Läden an der Ladenzeile zu finden, sagt ein Immobilienmakler aus Frankfurt (Main). Liegt es nur an der Konjunktur? Seit Jahren verzeichnet der Einzelhandel deutschlandweit schlechte Umsätze. Oder hat der Leerstand auch andere Gründe?

Unter der Baisse würden alle Berliner Einkaufsstraßen leiden, sagt Hans-Heinrich Benda von der Industrie- und Handelskammer (IHK). Die Branchen seien davon allerdings unterschiedlich stark betroffen. Und Schönebergs Wirtschaftsstadtrat Otto Edel (SPD) sagt, die Zahl der geschlossenen Geschäfte habe seit 1996 bereits wieder abgenommen. Edel lobt den "Branchenmix" des Friedenauer Straßenzugs. Läden für Gebrauchs- und Luxusgüter, Banken und Zeitungsgeschäfte - alles sei vorhanden. "Bedenklich" findet Edel, dass, "wenn einer rausgeht", häufig nur Schnäppchenmärkte neu aufmachten. Das Bezirksamt hoffe, dass durch die beschlossene Parkraumbewirtschaftung in Zukunft wieder mehr Kunden kommen und dass die im Konzept vorgesehenen Anlieferzonen die Händler entlasten.

Die Geschäftsleute an der Friedenauer Rhein- und Hauptstraße sollten sich nicht mit der Eins-A-Lage der benachbarten Schloßstraße in Steglitz messen, sondern das Charakteristische ihres Kiezes erkennen, sagt Hans-Heinrich Benda. Ihm zufolge hat die Einkaufsgegend gute Chancen. Der Fachmann beobachtet dort bereits eine "Konsolidierung". Als Strategie empfiehlt Benda den Händlern, die Stärken "jenseits des Preises" zu entwickeln. Ein CD-Händler könne dort zwar nicht billiger als der Elektro-Discounter verkaufen, aber seine "Kundenbindung" sei ein Vorteil. Ein anderer sei die Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs. Ein Edeka-Laden in der Friedenauer Hedwigstraße mit einem besonders guten Sortiment sei dafür kürzlich ausgezeichnet worden.

Der IHK-Mann hält es für außerordentlich wichtig, dass sich die Friedenauer Händlerschaft beim Marketing zusammenschließt: gemeinsam Anzeigen schaltet, Feste veranstaltet, sich auf einheitliche Öffnungszeiten einigt, für eine gemeinsame Weihnachtsbeleuchtung sorgt und Aktionen startet, die das Image der Geschäftsmeile verbessert, beispielsweise ein Lieferservice oder Kiezführungen. Die IHK berate solche Händlerarbeitsgemeinschaften, etwa 40 gibt es bereits in Berlin. Auch in Friedenau existierte einmal eine "Interessengemeinschaft Rheinstraße", doch nach internen Streits stellte sie die Arbeit Anfang der Neunziger ein. "Die Ecke ist gut", sagt auch Gabriele Höft, die vor drei Monaten mehrere hunderttausend Mark in das Café "Tomasa-Friedenau" an der Rheinstraße investiert hat. In der Gastronomie sei heute zwar nicht mehr "das schnelle Geld" zu machen, aber für einen Biergarten und ein Restaurant mit maßvollen Preisen sieht sie in der Gegend noch Bedarf. "Wenn Leute mit originellen Ideen kämen, würde es klappen", sagt sie über die leeren Geschäfte. Einer von diesen Leuten heißt Stephan Dziedzinski. Seit Oktober 1998 verkauft er in seinem Laden "Vom Fass" an der Rheinstraße Essig, Öl, Weine und Liköre. Die Flüssigkeiten kann sich der Kunde - single-tauglich - in kleinen Portionen abfüllen lassen.

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