Berlin : Die schlimmste Saison

Noch nie gab es so viele Motorradfahrer unter den Berliner Verkehrstoten

Jörn Hasselmann

Für die Motorradfahrer geht eine traurige Saison zu Ende: Von den 47 Menschen, die in diesem Jahr im Straßenverkehr getötet wurden, saßen 13 auf einem Motorrad. Damit waren 28 Prozent aller Berliner Verkehrstoten Motorradfahrer. „Ein erschreckend hoher Anteil“, heißt es bei der Polizei. Schließlich seien deutlich weniger Menschen auf einem Krad als im Auto oder auf dem Fahrrad unterwegs. Tatsächlich habe es eine solche Quote noch nie gegeben.

Heute früh findet in Berlin zum Saisonausklang die traditionelle Gedenkfahrt für die getöteten Biker statt, anschließend ist ein ökumenischer Gottesdienst (siehe Kasten). „Motorisierte Zweiradfahrer“, wie sie die Polizei nennt, gehören seit Jahren zu den so genannten Risikogruppen, wie es zuletzt in der Unfallbilanz 2004 hieß. Im vergangenen Jahr gab es 3755 Unfälle mit Beteiligung von Krädern oder Rollern, von denen wurden 1538 selbst verursacht. Diese Zahlen sind in den vergangenen Jahren tendenziell gesunken, 2000 waren es noch 4606 Unfälle.

Die Zahl der schwer Verletzten und Getöteten sank dagegen nicht, im Gegenteil. 2003 wurden neun Motorradfahrer getötet, 2004 zehn, in diesem Jahr sind es bereits 13. Offiziell nennt die Polizei zwölf Tote, denn eine war Beifahrerin, wird deshalb von der Statistik separat erfasst. Eine Begründung für die Zunahme schwerer Biker-Unfälle hat die Polizei nicht, zu vielfältig seien die Ursachen. Hauptunfallursachen waren offiziell fehlender Sicherheitsabstand und zu hohes Tempo.

Tödliche Unfälle haben in der Regel zwei unterschiedliche Ursachen: Entweder werden die Motorräder von Autofahrern beim Abbiegen oder bei Spurwechseln übersehen – oder die Biker verlieren ohne Fremdeinwirkung die Kontrolle über ihr Gefährt. Mindestens zwei der getöteten Biker waren in diesem Jahr auf Rennmaschinen unterwegs – deren Beschleunigungskraft von Autofahrern gerne unterschätzt wird. Der 29-Jährige, dem im April von einem Taxi die Vorfahrt genommen worden war, wurde von der Polizei beispielsweise als „Tiefflieger“ bezeichnet. Auch der 22-Jährige, der im März von einem bei „Rot“ fahrenden Polizeiauto umgefahren wurde, soll deutlich schneller als erlaubt gewesen sein. Andere Opfer sind ohne Einwirkung anderer gestürzt – zum Teil allerdings bei stark überhöhtem Tempo. So raste im Mai ein 35-Jähriger auf der Flucht vor der Polizei gegen einen Baum und starb.

Motorroller sind nach Angaben der Polizei selten in schwere oder tödliche Unfälle verwickelt. Vor drei Wochen war ein Rollerfahrer an der Karl-Liebknecht- Straße in Mitte von einem Autofahrer übersehen worden. Der 20-Jährige war sofort tot. Auffallend sei in diesem Jahr, dass keineswegs nur junge und unerfahrene Fahrer getötet wurden. Die Hälfte der Opfer war älter als 30. Und einer der Jüngsten starb bei einem der tragischsten Unfälle: Eine verwirrte Frau war nachts über die Stadtautobahn geirrt und hatte einen Massenunfall verursacht. Der 23-Jährige konnte nicht bremsen, rutschte unter ein Auto.

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