• Die Schmuddel-Meile hat glänzende Aussichten. Ihr Image soll sich in den kommenden Jahren bessern

Berlin : Die Schmuddel-Meile hat glänzende Aussichten. Ihr Image soll sich in den kommenden Jahren bessern

Klaus Wieking

Die Potsdamer Straße ist ein chronischer Patient im Bezirk. Schmuddelig, dreckig und laut, ist ihr Aussehen und Image denkbar schlecht. Eine Untersuchung der Gewerbestruktur des Schöneberger Nordens zeigt jedoch, dass trotz aller Probleme in dem Kiez ungeahnte und ungenutzte Potentiale schlummern. Am Dienstag abend diskutierten Bürgermeisterin Elisabeth Ziemer (Grüne) und Baustadtrat Otto Edel (SPD) mit rund 50 Anwohnern und Gewerbetreibenden über die Zukunft der Straße.

Die Besitzerin eines Kinderfachgeschäfts sprach vielen aus der Seele. "Ich empfinde die Potsdamer Straße als trist, das Angebot als ramschig." Nach drei Jahren an der "Potse" will sie mit ihrem Geschäft umziehen. Zu wenig Laufkundschaft, fehlende Kaufkraft im sozial stark belasteten Norden von Schöneberg sowie die unattraktive Umgebung zwischen Sexshops machen auch anderen Kaufleuten zu schaffen. "Wir mussten das hochwertige Sortiment wieder rausnehmen. Das kauft da keiner", berichtete ein Blumenhändler. Entsprechend der miesen Umgebung fühlt sich an der "Potse" auch niemand richtig wohl. "Es gibt kein Miteinander und deshalb auch keine Identifikation mit der Straße", klagte eine Kauffrau.

Diese deprimierende Beschreibung wird durch eine Untersuchung der Unternehmensberatung "BBJ Servis" erhärtet. Im Sommer vergangenen Jahres hat die Firma 41 Prozent aller Gewerbetreibenden im Kiez zwischen der Kurfürstenstraße, dem Nollendorfplatz, dem Kleistpark und der Bautzener Straße befragt. An der Spitze der Sorgenliste standen Kriminalität, die verdreckten Straßen, die Drogenszene und fehlende Parkplätze. Erhebliches Kopfzerbrechen bereiten den Gewerbetreibenden auch die Ladenmieten, die zwischen 5 und 100 Mark pro Quadratmeter liegen. Die Erhebung förderte allerdings auch durchaus Erfreuliches zu Tage. In dem genannten Gebiet arbeiten immerhin 486 Firmen - rund ein Viertel davon in ausländischer Hand -", wobei 77 Gaststätten und der Groß- und Einzelhandel mit 156 Betrieben dominieren. Allein 1999 wurden in Schöneberg-Nord 17 neue Unternehmen gegründet. "Wir haben Dynamik in dem Gebiet", sagte Eva Klitzsch von der BBJ Servis bei der Vorstellung der Zahlen. Das Areal habe mit seinem bunten Branchenmix das Potential, der schönen Warenwelt der Einkaufszentren etwas entgegen zu setzen.

Die schlummernden Kräfte müssen allerdings erst noch aktiviert werden. Das klappe allerdings nur, wenn sich die Gewerbeleute zu einer Arbeits- oder Werbegemeinschaft zusammenfinden, mahnte Jochen Brückmann von der Industrie- und Handelskammer an. In den nächsten Jahren gibt es immerhin an einigen wichtigen Grundstücken an der Potsdamer Straße Bewegung (siehe Kasten).

Bewegen muss sich auch die Politik. "Wir haben auch als Bezirk einiges nachzuholen", bekannte Bürgermeisterin Ziemer. Durch Begehungen verschaffen sie und ihre Fachleute sich seit einiger Zeit einen genauen Überblick über die Probleme. Abgeschafft, immerhin, ist nach Aussage von Baustadtrat Otto Edel die Belegungsbindung in dem Kiez, der bis Ende vergangenen Jahre 30 Jahre lang Sanierungsgebiet war. Die Bindung hatte lange Zeit wirtschaftlich schwache Familien in das Gebiet gezogen und damit die soziale Balance aus dem Gleichgewicht gebracht. Die Abschaffung greife jedoch nur sehr langsam, dämpfte Edel Hoffnung auf schnelle Änderungen. Wie die Haupt- oder Rheinstraße werde die Potsdamer Straße wegen der anderen sozialen Situation nie werden, betonte Edel weiter: "Wir müssen die Mischung, die da ist, zum Pfund machen, mit dem wir wuchern können."

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