Berlin : Die "schöne, luftigere" Stadt als Gegenstück zur Stalinallee

Nikolaus Bernau

Die junge Frau mit schwarzem Haar läßt den Finger über das Panoramafoto gleiten: "Hier wohne ich, in dem Hochhaus da, über den Bäumen. Siehste?" Heimatkunde in der Akademie der Künste im Hansaviertel. 1960 wurde sie als letzter Bestandteil des bedeutensten (west)-deutschen Wohnquartiers der fünfziger Jahre errichtet. Da war die "Interbau", die West-Berliner Internationale Bauaustellung, schon zwei Jahre geschlossen, die provisorischen Ausstellungspavillons und die Schwebebahn über den Baustellen waren abgeräumt. Und in den neuen Wohnungen lebten stolze West-Berliner, die sich als Avantgarde des modernen Bürgers fühlen konnten. Denn für die Ausstellung modernster Bautechnik, neuesten Wohndesigns und avantgardistischer Architektur waren Künstler aus der ganzen westlichen Welt in die einstige Reichshauptstadt gekommen.

"Für Berlin wollten wir bauen, und für Deutschland", wie der fast neunzigjährige Architekt Pierre Vago erzählte. Ein französischer Bourgeois wie aus dem Bilderbuch, wohlgenährt, in gut geschnittenem hellen Anzug, rote Kravatte, kräftig das weiße Haar nach hinten gestrichen, perfekt Deutsch sprechend. 1958 hat er eines der großen Wohnhäuser gebaut: "Es sollte nichts Normales sei, ich wollte etwas Neues machen. Um langweilige Rasterfassaden zu bauen, mußte man ja keinen Architekten aus Frankreich holen."

Jetzt kam Vago wieder nach Berlin, um in der Akademie der Künste mit der Berliner Denkmalpflegerin Gabi Dolf-Bonekämper deren neues Buch über die Geschichte des Hansaviertels vorzustellen. Denn obwohl das Quartier so berühmt ist, dass - wie der Buchhändler der Akademie Jo Fürst erzählte - jeden Tag Besucher nach einer Geschichtsdarstellung fragen: Bisher mußte er sie enttäuschen. Das Buch ist in vielem Gegenstück zum vor zwei Jahren im gleichen Verlag erschienenen, ähnlich gründlichen Band von Herbert Nicolaus und Alexander Obeth über die "Stalinallee". Sie war zu Beginn der fünfziger Jahre für die SED in Ost-Berlin Beweis der überlegenen Kraft des Sozialismus, und bis in die Sprache des Stalinallee-Buches hinein ist die Sonderrolle dieser "ersten sozialistischen Straße Deutschlands" noch zu spüren. Im Schöneberger Rathaus aber "rauften sich die Politiker die Haare, dass sie kein solches Vorzeigeprojekt hatten". Die "Interbau" sollte dem abhelfen, sollte zeigen, dass der Westen die Moderne verkörpere, dass Berlin Teil des Westens sei und die westdeutschen Architekten wieder zum Teil der zivilisierten Welt gezählt würden. In dem Buch wird diese verwickelte Ideologie und die Planungsgeschichte des Viertels anschaulich erzählt. Über die jüngste Vergangenheit allerdings wurde damals zwischen den Architekten der Interbau nicht gesprochen, wie Vago erzählt. Man ließ sie ruhen, um sich ganz der Aufgabe zu widmen, eine neue, schönere, luftigere Stadt zu schaffen.

Das Buch zeigt leider wenig Fotos von der Ausstellung, so wie auch die Besucherreaktionen zu kurz kommen. Man erfährt viel von der Geschichte der Bauten, von den Vorbildern in England und Frankreich - der Blick über den Atlantik in die USA und über die Ostsee nach Skandinavien hätte schärfer sein können - erfreut sich an den schönen Neuaufnahmen von Franziska Schmidt und am guten Layout und fragt sich ein wenig, warum eigentlich die Bewohner des Viertels so wenig zu Wort kommen. Denn in der Akademie waren sie ganz begeistert dabei, mit dem Sektglas in der Hand "ihre" Geschichte des Hansaviertels zu erzählen. Etwa die, wie sie nach dem Besuch der Musterwohnungen zuerst alle alten Schränke rausgeworfen und sich neue Möbel aus Finnland und Dänemark gekauft hätten, die neuesten italienischen Vorhangstoffe und amerikanischen Küchenquirls. Und was für eine Befreiung es gewesen sei, als man endlich im Hansaviertel einzog: Luft und Licht, ein Balkon, Platz und Raum. Ein Musterviertel eben.Gabi Dolf-Bonekämper, Franziska Schmidt (Fotos), Das Hansaviertel. Internationale Nachkriegsmoderne in Berlin. Verlag für Bauwesen, 208 Seiten, 120 Abb., 88 DM.

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