Berlin : Die Schule trauert

Wie Lehrer und Kinder mit der Tat umgehen Gedenkminute für Amani

Annette Kögel

„Ich bin noch ganz wackelig. Ich zittere, aber nicht wegen der Kälte“, sagt die Mutter im T-Shirt, die sich eben vor der Schule aufs Fahrrad schwingen wollte. Die Frau ist geschockt. Gerade erst hat sie Details der furchtbaren Tat erfahren, gerade erst erhärtet sich der Verdacht, dass die Mutter, die sie hier oft gesehen hat, der eigenen Tochter die Kehle durchgeschnitten haben soll. Fassen kann das auch hier, an der Grundschule am Rüdesheimer Platz, die Amani seit ihrer Einschulung besuchte, niemand. Und die Kinder haben jetzt Angst. Angst, allein nach Hause zu gehen, Angst sogar dann, wenn die Eltern nur mal kurz die Wohnung verlassen wollen.

Dass im Umfeld der Schule etwas Furchtbares passiert ist, lässt sich an diesem Tag an der Anzahl der Journalisten ablesen, die sich mit Block oder Kamera auf Recherche begeben. „Nicht heute, nicht am ersten Tag danach“, winkt eine Lehrerin ab. Auch die Schulleiterin will sich nicht zum Fall und dem Umgang damit äußern. „Wir müssen erst sehen, wie die Entwicklung ist, wir sind heute einfach mit uns beschäftigt. Natürlich reden wir mit den Kindern über das, was passiert ist“, sagt sie sichtlich ergriffen. Dann fällt die Tür wieder zu.

Wie zu erfahren war, ist der Mord in allen Jahrgangsstufen kindgerecht behandelt worden. Einige Klassen saßen im Stuhlkreis, andere legten eine Schweigeminute ein. Dann ging der Alltag weiter, so gut das eben geht. Auf dem Weg nach draußen stehen Kinder in Zweierreihen an. Mädchen mit fröhlichen Gesichtern und schwarzen krausen Haaren, wie Amani sie hatte. Noch vor ein paar Tagen stand die Achtjährige hier. Sie sei eine gute, interessierte Schülerin gewesen sein, sagen Nachbarn aus dem Wohnheim.

Die Mutter mit dem Fahrrad deutet auf den Schulhof. Dort spiele ihre Tochter, und deren beste Freundin, die auch eng mit Amani befreundet war. Mitten im Trubel steht nun die Kleine, deren Spielgefährtin und Klassenkameradin nie wieder erscheinen wird. Deren Sitzplatz in der Klasse leer bleiben wird. Lehrer und Eltern versuchen, die Kinder vor schrecklichen Details und Albträumen zu schützen. Doch Kindermund tut schreckliche Wahrheit kund: „Amani ist aufgeschlitzt worden“, so hat es ein Mädchen aus dem Wohnheim ausgedrückt.

Die Mutter mit dem Rad hat wohl wie viele andere Eltern an diesem Tag versucht, ihre Kinder abzulenken. Sie haben beim Mittagessen noch über die Tat gesprochen, dann Fußballregeln geübt. Dann haben die Kinder doch wieder nachgefragt. „Mein Mann und ich werden die Nacht wohl nicht allein im Ehebett verbringen“, sagt die Frau.

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