Berlin : Die schweren Jahre sind vorbei

20 Jahre lang nahm Ivonne zu. Dann speckte sie in einem Jahr ab: 46 Kilo. Nicht ganz ohne Komplikationen

Protokoll: Susanne Leimstoll

Ivonne R. aus Reinickendorf ist 26, eine hübsche, junge Frau. Sie hat 20 schwere Jahre hinter sich, übergewichtige Jahre. Ihr Leben lang nahm sie zu – langsam und stetig. Ein Jahr hat sie gebraucht, um 46 Kilo abzunehmen. Ambulant, nebenher. Nicht ohne zu hungern, nicht ohne Verzicht. Ohne Selbstdisziplin wird sie ihr Gewicht nie halten können. Ihren Weg hat Ivonne uns erzählt.

„Ich war kein dickes Kind. Mit sieben Jahren habe ich im Verein Leichtathletik gemacht, Weitsprung, Laufen und so. Dann ging meine Trainerin fort und ich wollte zu keiner anderen. Zu Hause haben wir normal gegessen: mageres Fleischund Soße und wenig Beilagen. Und eigentlich nie Salat. Ab und zu habe ich ein Brot mehr gegessen als die anderen. Und viele Süßigkeiten. Mit 15 Jahren hatte ich 15 Kilo Übergewicht. Meine Eltern haben gesagt, dick sein ist nicht gut für dich. Da bin ich um die Ecke und habe mir Pommes geholt. Ich hatte Hunger. Einmal bin ich zur Kur: 12 Kilo in sechs Wochen. Viel Bewegung, 850 Kalorien. Zu Hause ging’s wieder bergauf. Von 88 auf 115 Kilo – bei 1,68 Metern Körpergröße. Da war ich zwanzig. Fast Food habe ich gerne gegessen – immer außer der Reihe. Und belegte Baguettes. Und Fanta und Cola getrunken, wie die anderen in meiner Clique. Aber die wurden nicht dick.

Ich hab dann eine Ausbildung zur Arzthelferin gemacht. Da bekommt man von den Patienten Geschenke: Kuchen und Schokolade. Später begann ich als Pflegerin in einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke in Pankow. Die Kollegen haben mich nie auf mein Gewicht angesprochen, die Bewohner schon. Wenn denen was nicht passte, haben sie gesagt: „dicke Kuh, fette Sau“. Das hat mich verletzt, ziemlich doll sogar. Das Gewicht ging immer weiter rauf: bis 132 Kilo. Auf die Waage bin ich nicht mehr.

Mein Freund ist ein ganz lieber. Selbst als ich 120 Kilo hatte, hat er mir das nur durch die Blume gesagt oder hat mich mal in meinen Speck gezwickt. Dabei mag der gar keine dicken Mädchen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, jetzt geht er dann fremd. Aber ich bin erst erschrocken, als ich Fotos von mir gesehen habe.

Dann kam der Bänderriss am rechten Knöchel: drei Sekunden mit dem vollen Gewicht auf dem umgeknickten Fuß, da hat es gekracht. Im Krankenhaus haben sie mir die Beinschiene umgelegt. Unten hat das Klettband noch gereicht, oben nicht. Und ich bekam nicht die schönen grünen Gehhilfen, sondern die grauen für Leute ab 120 Kilo. Das war mein Tiefstpunkt.

Bei der Krankenkasse, der BKK Verkehrsbau, hat mir einer das Optifast-Programm an der Schlosspark-Klinik empfohlen. Die Kasse übernimmt das, hat er gesagt. 20 bis 40 Kilo ambulant in einem Jahr abnehmen, das isses, hab ich mir gedacht. Dann begann das Programm und die BKK fing an, alle Rechnungen abzulehnen. Eine Formuladiät unterstützen sie nicht, haben sie gesagt. 46 Kilo habe ich bis heute abgenommen. Aber mein Erfolg hat die nicht umstimmen können. Jetzt gehen wir eben vor Gericht.

Ohne Komplikationen lief die Kur nicht ab. Nach der dreimonatigen Fastenphase zum Einstieg waren meine Leberwerte erhöht, erst um 300, dann um 600 Prozent. Der leitende Arzt hat erst gesagt, zu viel Sport, zu viel Höhensonne. Nach der zweiten Oberbauchsonografie war klar, dass innerhalb von drei Monaten aus Gallenschlick 11 Millimeter große Gallensteine geworden waren. Ich hatte einfach zu schnell abgenommen – auch noch in den Monaten nach der Umstellung auf eine vernünftige Ernährung mit viel Kohlenhydraten und wenig Fett. Meine Galle musste raus.

Heute achte ich darauf, was ich esse. Wenn ich mal sündige, also am Tag mehr als anderthalb Riegel Schokolade hatte, hungere ich am nächsten lieber. Klar gönne ich mir ab und zu Döner oder Hamburger. Dazu gibt’s Pommes und Cola light. Das ist dann aber das einzige Essen am Tag. Ich gefalle mir schon ganz gut, mit meinen 86 Kilo. Aber wenn ich an mir runterschaue, denke ich, es könnte weniger sein. Das war vorher nicht anders. Da hat sich nichts geändert.

Alle sind sowas von stolz auf mich. Mein Freund trägt mich durch die Gegend. Meine Chefs geben vor anderen mit mir an. Mein Arzt guckt durch die Lupe und sagt: Biste noch da? Ich bin derselbe Mensch, aber freier. Ich habe eine andere Ausstrahlung. Jeder Tag ist ein schöner Tag. Ich traue mich, vor anderen ein Eis zu essen. Die wissen ja nicht, dass ich dafür den Tag über hungere. Aber meine alten, dicken Fotos habe ich immer dabei. Damit ich nichts vergesse.“

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