Berlin : „Die SED-Propaganda wirkt noch nach“

Der Historiker Hans-Hermann Hertle über den Umgang mit dem Aufstand in Brandenburg

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Interessiert sich in Brandenburg – abgesehen von den Betroffenen – niemand für den 17. Juni 1953?

Aber ja. Erstaunlicherweise besonders viele junge Leute. Wir merken das beispielsweise am Interesse für unser InternetProgramm www17juni53.de. Ich selbst war an drei Schulen in Südbrandenburg. Die Mädchen und Jungen wussten zwar wenig vom 17. Juni, fanden das Thema aber sehr spannend.

Warum?

Naja, zum einen ist Aufruhr gegen Missstände, Rebellion gegen Macht für Jugendliche immer interessant. Zum anderen passte das offensichtlich nicht in das Geschichtsbild, das die jungen Leute bis dahin von der DDR hatten. Da ging es immer nur um Unterdrückung beziehungsweise um Anpassung. Und nun stellte sich heraus, dass sich ja gar nicht alle anpassten. Da hatten welche aufgemuckt, sich gewehrt und einen hohen Preis dafür bezahlt.

Und die Lehrer? Waren die genauso begeistert wie ihre Schüler?

Das war sehr unterschiedlich. Manche kamen auf mich zu. Manche nicht.

Woran könnte das liegen?

Da gibt es noch viel Verunsicherung. Und irgendwie wirkt die SED-Propaganda noch nach: Für viele waren die Aufständischen eben Kriminelle oder Faschisten. Selbst die Bürgerrechtler von 1989 hatten den 17. Juni 1953 völlig ausgeblendet. Während beispielsweise die ungarischen Revolutionäre von 1989 direkt an den Volksaufstand von 1956 in ihrem Land anknüpften.

Was tun Sie gegen das Vergessen?

Wir haben schon sehr frühzeitig mit der Vorbereitung des 50. Jahrestages begonnen und waren so gut vorbereitet, dass manche eine „Pressekampagne“ vermuteten. Wir haben Archive durchforstet, die beim letzten Jubiläum teilweise noch gar nicht zugänglich waren. Und wir zeigen bis zum 13. August dieses Jahres die Ausstellung „Freiheit wollen wir! - Der 17. Juni 1953 im Land Brandenburg“ im ehemaligen Stasi-Gefängnis in der Potsdamer Lindenstraße 54. Ich bin sehr gespannt auf die Resonanz der Brandenburger.

Das Gespräch führte Sandra Dassler.

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