Berlin : Die Seele von Drogen befreien

Synanon fängt jährlich Hunderte von Süchtigen auf – für den Entzug werden Spenden gebraucht

Claudia Keller

Am Eingang steht ein schwerer Eichenschreibtisch. Um die Ecke liegen sechs Matratzen auf dem Linoleumboden, die Blümchen und Karos auf der Bettwäsche sind verblichen. Ein feiner Geruch von Putzmittel hängt in den Räumen, die Stapel auf dem Schreibtisch sind sortiert. Das ist die Notaufnahme von Synanon, die seit 15 Jahren jährlich bis zu 600 Drogensüchtige aus der ganzen Bundesrepublik auffängt. Im Moment ist der jüngste 16 Jahre alt, der älteste 76.

Michael Frommhold ist bei Synanon für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Er ist gewöhnt, dass die Besucher staunen, wenn er sie durch die Zimmer und Appartements in dem modernen Backsteinbau führt, durch große helle Aufenthaltsräume, in denen es aussieht wie bei Muttern im gemütlichen Wohnzimmer. Viele denken bei Drogen und Entzug an Absteigen. Vor fünf Jahren lag Frommhold selbst auf einer der Matratzen in der Notaufnahme. Alle, die hier arbeiten, waren früher selbst drogenabhängig und wissen wie es ist, wenn über Jahre nur eine einzige Frage im Kopf bohrt: Wie komme ich an Stoff? Alle, die hier arbeiten, haben es irgendwann geschafft, die Frage abzustellen.

Wer hier bleibt, macht einen kalten Entzug, das heißt ohne Methadon oder andere Medikamente. In der ersten Woche ist ständig jemand bei ihm und lässt den Neuankömmling auch auf der Toilette nicht aus den Augen. Gibt es körperliche Probleme, kommen Ärzte aus den nahe gelegenen Krankenhäusern zur Hilfe. Sehr viele Drogenabhängige gehen innerhalb der ersten sieben Tage wieder. Wer zwei Monate lang ohne Drogen durchgehalten hat, kann in der hauseigenen Druckerei, in der Wäscherei oder in der Tischlerwerkstatt arbeiten, als Fahrer oder Möbelpacker bei Umzügen helfen und eine Ausbildung machen.

Im Moment arbeiten und leben rund130 Menschen im Haus, sie wohnen in Ein-, Zwei- und Vierbettzimmern, in kleinen Wohngemeinschaften mit eigener Küche und eigenem Bad. Die Betten, Schränke und Tische, Sofas, Regale und Stereoanlagen sind Geschenke. Doch die Zimmer wirken, als sei alles in einem Stil durchgestaltet worden. Dass alles so sauber und aufgeräumt ist, liegt daran, dass die neuen Mitbewohner von Anfang an im so genannten Hausdienst arbeiten, aufräumen, putzen, Tische decken. Ein fester Tagesablauf ist das Wichtigste, um nicht rückfällig zu werden, sagt Frommhold.

Synanon finanziert sich über Spenden, die Sozialhilfe der Bewohner, und das, was in den Werkstätten erwirtschaftet wird. Vom Senat kommen pro Tag und Person 9,22 Euro Suchthilfe dazu. Das aber reicht kaum aus. Die Matratzen in der Notaufnahme müssen oft ausgewechselt werden, weil sie im Entzug stark beansprucht werden. Außerdem gibt es nie genügend Verbandszeug, Bettwäsche und Handtücher. Das will das Synanon-Team von den Tagesspiegel-Spenden kaufen. Dass sich die Spende lohnt, zeigt die Erfolgsquote von Synanon: 70 Prozent derjenigen, die zwei Jahre oder länger geblieben sind, sind seit über zehn Jahren clean.

Wenn Sie die Tagesspiegel-Spendenaktion unterstützen möchten: Der Empfänger ist der Tagesspiegel, Stichwort „Menschen helfen!“, Kontonummer 250030942 bei der Berliner Sparkasse mit der Bankleitzahl 10050000. Bitte geben Sie auf dem Beleg Ihren Namen und die Anschrift komplett an, damit wir den Spendenbeleg zuschicken können. Auch Online-Banking ist möglich.

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