Berlin : Die Sehnsucht nach dem vollen Leben

Claudia Keller

Zwischen slowenischen Wellness-Angeboten und Fahrradkurierdiensten steht ein einfacher Tisch mit einer Kerze und einem Messingkreuz. Hinter dem Tisch steht Pfarrer Hans-Georg Filker und spricht über das volle, pralle Leben, das Gott verheißt. Aussteller, Standmitarbeiter und Messehostessen eilen am Stand der Berliner Stadtmission vorbei, gleich beginnt ein neuer Tag auf der Internationalen Tourismus-Börse. Viele geschäftig dreinblickende Messianer schmunzeln, als in der Kirchen-Box „Großer Gott, wir loben Dich“ gesungen wird. Rund 30 verlieren ihre Eile für einen Moment aus den Augen und setzen sich, um am Gottesdienst teilzunehmen.

„Wenn die Leute nicht in die Kirchen kommen wollen, dann kommen wir zu ihnen.“ So erklärt eine Mitarbeiterin der Stadtmission die Idee, auf der ITB Sonntag morgens einen Gottesdienst abzuhalten. Wie vielen Träumen und Illusionen wir täglich nachjagen, könnte kaum ein Ort besser vor Augen führen, wie die Tourismus-Messe.

„Wenn Sie morgens um neun Uhr den Ausstellern in die Augen schauen, sehen Sie die Sehnsucht nach dem vollen Leben“, sagt Pfarrer Filker in seiner Predigt, „und gleichzeitig das Wissen darum, dass sich diese Träume im Alltag nicht erfüllen werden.“ Denn zum Alltag gehörten Angst, Krankheit und Tod. Ein volles, erfülltes Leben trotz unschöner Erfahrungen könne keine Kreuzfahrt bieten, aber Gott. „Ich bin gekommen, um Leben zu geben und viel mehr als Leben“, sei seine Botschaft.

Um den improvisierten Altar herum stehen aufgeklappte alte Koffer auf dem Boden. In ihnen sprießen Hyazinthen, Narzissen, Primeln. In einem Koffer ist nur Erde zu sehen. Schaut man genauer hin, sieht man auch Keimlinge. Ein bisschen Sonne – und es werden prächtige Blumen.

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